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„Er vertraute darauf, dass die Wahrheit sich von selber durchsetzt.“

 

 Von Guido Raith

 

„Luther und die Juden“ war das Thema eines Vortrages von Prof. Dr. Martin Stöhr aus Bad Vilbel, zu dem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Katholischen Gemeindezentrum St. Maria Königin rund 50 Besucher begrüßen konnte.

Der Evangelische Theologe und Soziologe, der lange Jahre Vorsitzender des Internationalen Rates der Christen und Juden war, näherte sich dem Thema im ersten Abschnitt mit drei Erinnerungen unter dem Oberbegriff der Folgenabschätzung. „Das, was wir denken und was wir sagen, hat Folgen. Und die müssen wir bedenken,“ so Stöhr.

1910, so erläuterte der Referent in seiner ersten Erinnerung, habe ein junger jüdischer Theologiestudent mit seiner Abhandlung über Luther und die Juden die direkte Aufnahme in die gedruckten theologischen Schriften der Universität Breslau geschafft und wurde dann später mit seiner Familie in Auschwitz umgebracht.

Während der Nürnberger Prozesse nach dem zweiten Weltkrieg habe auf der Anklagebank der Chefredakteur des „Stürmer“, eines antisemitischen Wochenblattes, gesessen, so Stöhr in seiner zweiten Erinnerung.  Dieser habe sich dort mit den Worten „Mein Blatt hat nur aufklären wollen.“ verteidigt und bezog sich dabei auf Martin Luthers späte Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, die in der Nazi-Zeit in hoher Auflage wiedererschienen war.

Luthers Grundthesen des Hasses und der Abneigung gegen die Juden seien während und vor dem Nationalsozialismus bekannt gewesen, berichtete Stöhr. „Bis 1950 gab es in Deutschland eine Mehrheit für antisemitisches Denken. Heute ist die Zahl bei 20 Prozent Antisemitismus und 60 Prozent Anti-Islamismus.“

In seiner dritten Erinnerung erzählte Stöhr davon, dass der religiös-ideologisch und politisch unterfütterte Judenhass auch innerhalb der Kirchen gegen Christen gewendet wurde, die jüdischer Abstammung waren. Dabei sei es um etwa 400 000 Menschen gegangen. Viele von ihnen wären während der Nazi-Zeit ermordet worden. Die Kirchengemeinden hätten sie meistens im Stich gelassen, so Stöhr weiter. Der Gipfel sei 1941 mit einem Erlass in einigen evangelischen Amtskirchen erreicht worden, als in den Amtsblättern gestanden habe, dass die nationalsozialistische Führung unwiderleglich bewiesen hätte, dass die Juden den zweiten Weltkrieg angezettelt hätten.

Schließlich wandte sich Stöhr Luthers spätem Werk zu den Juden zu und suchte dessen negative wie positive Haltung zu verdeutlichen. Die Juden hätten Luther stets beschäftigt, ob wohl er keine gekannt habe, erläuterte Stöhr. Die „Treuen Ratschläge einer scharfen Barmherzigkeit“, die er in der Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ ausbreite, riefen dazu auf, Synagogen anzuzünden, ihre Häuser zu „zerbrechen“, ihnen ihre Gebetbücher zu nehmen, weil dort Abgötterei gelehrt würde, den Rabbinern das Unterrichten zu verbieten, ihnen das freie Geleit zu nehmen, das Zinsnehmen zu verbieten und „...ihnen Silber und Gold zu nehmen“.

„Wie kam es dazu?“, fragte Stöhr und nahm seine Zuhörer mit auf eine Reise in die Geschichte vor der Reformation, als das Christentum Staatsreligion wurde. Die Kirche habe damals die „Irrlehren“ benannt, die der Staat schließlich ahndete. Der ungetaufte Konstantin hätte sich zum Präsidenten der großen ökumenischen Synode im Jahr 325 gemacht, in der es um wesentlichen Elemente der Glaubensbekenntnisse ging. All diese alten Bekenntnisse erkannte Luther an. In der kaiserlichen Nachfolge Konstantins hätte sich dann der Gedanke „Ein Reich – eine Religion“ durchgesetzt, wobei hier der gottgleiche Kaiser an erster Stelle gestanden hätte. Es sei zu bedenken, beschrieb Stöhr, dass dieser Einheitsgedanke der Reinheit von Herrschaft und Religion mit zu dem schwierigen Erbe gehörte, „...an dem auch die Reformation zu knabbern hatte.“

Luthers erste Absicht in der späten Schrift sei gewesen, den Glauben der Christen zu stärken und er rede dort in der Pose des sicheren Besitzers mit den Worten: „Wir haben den Messias. Wir haben den Christus. Wir haben die Heilige Schrift auf unserer Seite.“ Stöhr: „Was den Christen zur Freude gereicht, gereicht den Juden zur Schande.“ Und so habe es auch keine Möglichkeit gegeben, in einen Dialog zu treten.

Ängstlich habe Luther dem Glauben der Juden den Unglauben des eigenen Messias gegenüber gehalten, so Stöhr. Luther meinte, Jesus sei doch einer von ihnen gewesen, dem sie nicht folgten und glaubten. Und Unglaube wirke doch ansteckend, so sei Luther überzeugt gewesen.

Außerdem habe Luther die Ehre Gottes und die Ehre Jesu Christi wahren wollen und geglaubt, der christliche Glaube sei doch überall bekannt und die Juden müssten daher doch wissen, was richtig sei. Stöhr: „Meine These: Luther musste seinen Judenhass nicht neu erfinden. Da gab es eine lange Tradition der christlichen Überlieferung.“

Da habe es unter anderem den Vorwurf des Gottesmordes gegeben, wandten sich Christen gegen Synagogen als die „Orte des Unglaubens und der Lüge“, die man ja nicht dulden könne. Der Kirchenvater Augustinus habe die Juden durch den folgenschweren Satz definiert: „Sie sind Zeugen ihrer Lüge und Zeugen unserer Wahrheit.“

Im vierten Lateralkonzil sei 1215 beschlossen worden, dass die Juden sich durch einen gelben Fleck in der Öffentlichkeit zu kennzeichnen hätten – eine Praxis, die aus den muslimischen Staaten übernommen worden war. Man warf ihnen damals vor, sie würden Brunnen vergiften und Kinder töten.

In der Reformationszeit selbst habe es eine Schmähschrift eines Rabbinersohnes Margarita gegeben, der zum Christentum übergetreten war, berichtete Stöhr. Diese Schrift habe Luther benutzt, um nachzuweisen, wie schrecklich die Gebräuche und der Glaube der Juden wären.

In den Aufbruchsjahren der Reformation habe Luther 1523 eine positive Schrift über die Juden verfasst. In dem Text erläutere er, warum er glaubt, dass Jesus Christus ein Jude ist, von einer Jungfrau geboren. „Vielleicht reize ich damit einige Juden zum christlichen Glauben“, habe er damals gesagt, so Stöhr. Vielfach habe Luther positive Reaktionen auf seine frühe Schrift bekommen.

Bei der Erneuerung der Kirche, der Besinnung auf die Heilige Schrift sei Luther durchaus klar gewesen, dass sie die Quelle des christlichen und des jüdischen Glaubens ist. Er sei fest davon überzeugt gewesen, dass das, was in der hebräischen Bibel bei den Propheten von dem kommenden messianischen Reich gesagt wird, doch in Jesus Christus erfüllt wäre. Um das zu entdecken, habe man nur die Heilige Schrift lesen müssen, so wäre Luthers Auffassung gewesen, erklärte Stöhr: „Er vertraute darauf, dass die Wahrheit sich von selber durchsetzt.“ In dem Unverständnis darüber, dass das nicht so geschah, sei mit eine Wurzel seines späteren Hasses zu sehen.

Weitere mögliche Gründe für Luthers inhaltlichen Umschwung sah Stöhr darin, „dass Luther schlichtweg Angst hatte um sein reformatorisches Erneuerungswerk.“ Er habe sich nicht nur geängstigt, dass eine Gefährdung von den Juden ausgehe, sondern, dass die neu entstandenen Gemeinden schwach wären und es dort Streitigkeiten geben könnte. Er habe zudem Angst gehabt, dass die Botschaft sich mit Gewalt verbreiten könnte. Außerdem habe sich Luthers Obrigkeitsverständnis im Alter deutlich gewandelt und Konstantins Auffassung von einer Region und einer Religion angenähert. So habe er später gesagt: „Zweierlei Predigt in einem Land oder in einer Stadt verursachen Aufruhr und Uneinigkeit.“

Dem Vortrag schloss sich eine Diskussion mit Prof. Dr. Martin Stöhr an.

 

 

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