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Engagement lohnt sich!

Beim Kirchentag 2013 in Hamburg informierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel über das Projekt ‚Zukunft einkaufen‘ (Foto: EKvW)

 

WESTFALEN + Sollen sich Kirchen im Klimaschutz engagieren? Ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Nach politikwissenschaftlichen Studien können Aktive im kirchlichen Klimaschutz sich freuen: In der internationalen Klimapolitik gewinnen religiöse Gruppen und Organisationen zunehmend an Einfluss.

„Sie haben sich etwa bei den UN-Klimakonferenzen als Akteure unter den Nichtregierungsorganisationen etabliert und werden als eine Macht ernst genommen, die in vielen Ländern, nicht zuletzt durch hohe Mitgliederzahlen, umweltpolitische Prozesse effektiv anstoßen können“, so die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Katharina Glaab von der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften (NMBU). Am Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘ in Münster berichtete sie über ihre Studien zu ‚Religion und Nachhaltigkeit‘.

Christliche Organisationen wie ‚Brot für die Welt‘ oder der Vatikan, aber auch buddhistische, muslimische und interreligiöse Gruppen, brächten dabei vor allem ethische Dimensionen und Gerechtigkeitskriterien in klimapolitische Verfahren ein. Auch in der Evangelischen Kirche von Westfalen sind Umwelt- und Klimaschutz schon seit Jahren ein Schwerpunktthema und Teil des gesellschaftspolitischen Auftrags.

„Internationale Umweltpolitiker beziehen religiöse Akteure zunehmend in die Beratungen ein, weil sie ihnen viel Potenzial für gesellschaftliche Transformationen zuschreiben, ohne die Umweltpolitik nicht mehr möglich ist“, führte Glaab aus. „Sie gehen davon aus, dass Religionen Weltbilder formen können, eine hohe moralische Autorität besitzen, viele Anhänger haben und neben erheblichen Ressourcen auch ein enormes soziales Kapital zur Bildung starker Gemeinschaften haben. Dies schafft enorme Reichweiten, mit denen sich in Politik und Gesellschaften weltweit nachhaltig etwas verändern lässt“, so die Wissenschaftlerin.

Das Geheimnis des Erfolges liegt möglicherweise in den Unterschieden zu den säkularen Umweltakteuren. So setzten religiöse Akteure mehr auf eine emotionale als eine technische Sprache. Außerdem scheinen religiöse Umweltaktivsten eher pragmatisch orientiert zu sein: Sie bevorzugen ein Engagement im Rahmen etablierter politischer Institutionen, anstatt sich in offenen Protestaktionen zu verkämpfen, „obwohl sie inhaltliche Bedenken von radikaler agierenden zivilgesellschaftlichen Gruppen teilweise teilen, etwa gegenüber marktbasierten Lösungen gegen den Klimawandel“.

Prof. Dr. Katharina Glaab berichtete am Exzellenzcluster über ‚Religion und Nachhaltigkeit‘ (Foto: Exzellenzcluster ‚Religion und Politik‘ / Martin Zaune)

Auch das praktische Potenzial, das sich in zahlreichen energie- und ressourcenschonenden Projekten in Gemeinden zeigt, trägt zum wachsenden Einfluss von Religionen in der Klimapolitik bei. „Religiöse Akteure schließen so pragmatisch die Lücke zwischen dem Wissen über die Folgen unökologischen Verhaltens und dem Ausbleiben individuellen Verhaltensänderungen“, so die Politikwissenschaftlerin.

Auch der ‚Organisationsgrad des religiösen Engagements‘ wachse und interreligiöse Koalitionen nähmen zu. Als Beispiel nannte Glaab das ‚Climate Action Network‘, in dem religiöse und zivilgesellschaftliche Akteure kooperieren und in dem auch die Klima-Allianz Deutschland und Brot für die Welt vertreten sind.

Zahlreiche Klimaschutzaktionen und Projekte aus der Westfälischen Landeskirche untermauern diese Erkenntnisse:
Das Projekt ‚Zukunft einkaufen‘ z. B. leistet Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen schon seit zehn Jahren praktische Unterstützung bei der ökofairen Beschaffung und ist im kirchlichen und säkularen Bereich vernetzt.

Auch ganz praktisch konnten zwischen 1990 und 2009 die CO2-Emissionen in der Landeskirche um fast 30 % gesenkt werden. Hierfür ist nicht zuletzt das kirchliche Umweltmanagementsystem ‚Der Grüne Hahn‘ verantwortlich, das allein in Westfalen in mehr als 120 Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen etabliert ist.

Und bei der von der Klimaschutzagentur der EKvW initiierten ‚Klimafasten‘-Aktion beteiligen sich inzwischen neun Landeskirchen und ein Bistum und bringen so Klimaschutz und Klimagerechtigkeit im privaten Lebensbereich ins Bewusstsein.

„Dass die internationale Politik religiöse Umweltaktivisten zu Rate zieht, hat das Verständnis für neue Lösungsansätze wesentlich erweitert“, so die Forscherin weiter. „Man hat erkannt, dass politische, ökonomische und technologische Ansätze nicht ausreichen, wenn ethische übersehen werden – denn sie wirken sich unmittelbar auf Machtverhältnisse, individuelle Rechte und gesellschaftliche Pflichten in den Ländern aus, die die Umwelt verschmutzen.“

Nicht umsonst steht die Entwicklungspolitische Plattform der Kirchen, in der sich die Evangelische Kirche von Westfalen gemeinsam mit Entwicklungsdiensten, Missionswerken, kirchlichen Verbänden und anderen Landeskirchen einsetzt, unter dem Titel ‚Klima der Gerechtigkeit‘. ©EKvW

 

Zur Person

Prof. Dr. Katharina Glaab Glaab ist Professorin für Global Change and International Relations an der Norwegischen Universität für Umwelt- und Biowissenschaften (NMBU) und forschte von 2012 bis 2015 am Exzellenzcluster im Projekt ‚Religiöse Akteure in der Global Governance‘. Der Vortrag am 16. Januar 2018 über ihre Forschungsergebnisse trug den Titel ‚Religiöse Akteure in der globalen Klimapolitik. Verhandlung, Übersetzung und Grenzsetzungen‘.

 

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