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Hebr. 4, 14 – 16
14 Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. 15 Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. 16 Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.
Lasst uns am Bekenntnis festhalten, so ruft der Apostel den Gemeindegliedern zu. Gerade haben wir gemeinsam unseren Glauben bekannt, Da haben wir den dreieinigen Gott, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, angerufen. In seinem Namen sind wir versammelt. Auf seinen Namen sind wir alle getauft worden. Am Bekenntnis zu diesem unserem Gott lasst uns festhalten. Das ist oft leichter gesagt als getan. Wir sind dazu geneigt, mit unserem Glauben gleichzeitig auch das Gelingen unserer offenen und geheimen Wünsche zu verbinden. – Wenn ich glaube, dann muss Gott doch auch ... Anliegen an Gott haben wir genug.
Die Bibel nennt dies Versuchung. Davon spricht das Evangelium für den heutigen Sonntag – Invokavit – er ruft mich an, darum will ich ihn erhören. Versucht wird nicht irgendein Mensch, versucht wird der Sohn Gottes. Der Apostel bezeichnet ihn als den erhabenen Hohenpriester, der die Himmel durchschritten hat. Ihm wurde von Gott in der Taufe zugesagt: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. In dieser Gewissheit hätte er alles tun können, ohne dass ihm etwas geschadet hätte. Dazu wollte der Versucher ihn reizen. „Komm mit zum Tempel, spring von diesen Zinnen hinunter ins Tal. Dir wird nichts passieren. Gott hat ja gesagt, und so steht es in den Psalmen: (Ps. 91, 11.12) Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“
Solche Versuchungen sind groß, bei Adam und Eva haben sie schon angefangen, sie haben sie nicht bestanden. Wie oft sind wir versucht, mit Gott einen Handel zu betreiben: Gott, wenn du mir diesen Wunsch erfüllst, dann werde ich ... . Manchmal setzen wir unsere Worte ähnlich wie Menschen in der Bibel: Wenn du, Gott, wirklich so allmächtig bist, dann musst du ... . Die Vielfalt der Versuchungen ist groß, mal geht es um uns, mal geht es um unsere Lieben, mal geht es um Dinge dieser Welt, mal um unser persönliches Erleben. Die Neigung, dabei mitzumachen, kann nicht geleugnet werden. Jesus entgegnete ganz deutlich: Gottes Wort sagt ebenso: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.
Gott, dessen geliebte Kinder wir sein dürfen, gibt uns keine Garantie für das Gelingen unserer Wünsche. Er sagt uns seine Begleitung zu, nicht aber, dass er allen Kummer und alles Leid von uns Gläubigen fernhält. Das hätten wir gerne. Der Apostel hatte das bestimmt auch häufig gehört. Er geht deutlich darauf ein. Er nimmt die Vorstellungen des damaligen jüdischen Glaubens und berichtet von Jesus Christus als dem Gottessohn, der wie ein erhabener Hohenpriester die Himmel durchschreitet. Dieser Gottessohn ist sich nicht zu schade, die Laufbahn eines irdischen Menschen zu durchlaufen. Er hat im Himmel seine Wohnung und ist den Menschen nahe, die auf dieser Erde leben. Er kennt sie mit ihren Stärken und Schwächen. Er kennt die Versuchungen und die oft so drängende Frage: Wo bleibt Gott? Das hat er selber durchgemacht. Als er am Kreuz hing, rief er aus: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und er hat die Kraft gehabt, das Vertrauen zu Gott nicht zu verlieren. Für ihn war es wichtig, dass Gott zu ihm hielt und nicht seine Wünsche erfüllte. Er fand zu der Antwort zurück: In deine Hände befehle ich mein Leben.
Eine chinesische Geschichte erzählt:
,Der einzige Sohn einer Witwe war gestorben. In ihrem Kummer ging sie zu einem heiligen Mann und fragte ihn: „Welche Gebete und Beschwörungen kennst du, um meinen Sohn wieder lebendig zu machen?" Der antwortete ihr: „Bring mir einen Senfsamen aus einem Haus, das niemals Leid kennengelernt hat. Damit werden wir den Kummer aus deinem Leben vertreiben." So begab sich die Frau auf die Suche nach dem Zauber-Senfkorn. Bald kam sie zu einem prächtigen Haus. Dort klopfte sie und sagte: „Ich suche ein Haus, in dem noch nie jemand Leid erfahren hat. Ist dies vielleicht der richtige Ort?" Da antworteten ihr die Bewohner des Hauses: „Nein, ganz bestimmt nicht.“ Und dann erzählten sie ihr von all dem Unglück, das sich jüngst bei ihnen ereignet hatte. Da dachte die Frau bei sich: „Wer kann diesen armen unglücklichen Menschen wohl besser helfen als ich, die ich selber so viel Leid zu tragen habe?" So blieb sie in dem Haus und tröstete die Menschen. Lange Zeit später, als sie meinte, genug Trost gespendet zu haben, brach sie wieder auf und machte sich erneut auf die Suche nach einem Haus ohne Leid. Wo sie auch hinkam, in Hütten und Paläste, überall begegnete ihr das Leid in allen nur denkbaren Formen. Schließlich beschäftigte sie sich ausschließlich mit dem Leid anderer. Irgendwann vergaß sie darüber die Suche nach dem Zauber-Senfkorn, ohne dass ihr das bewusst wurde. So verbannte sie mit der Zeit den Schmerz aus ihrem Herzen.“
Diese Frau wollte statt Gott ein Zaubermittel einsetzen, um ihren Wunsch erfüllen zu lassen. Das gelang ihr nicht. Sie musste erkennen, dass leben nicht bedeutet, mir gelingt alles und alles Leid wird beseitigt, sondern ich habe jemanden, der mit mir geht und Höhen und Tiefen mit mir teilt. Sie hat anderen das geschenkt, was sie sich erhoffte und ist dabei auch selber wieder glücklich geworden.
Auch wir haben einen, der mit uns geht. Deshalb regt der Apostel an: Lasst uns voll Zuversicht zum Thron der Gnade gehen, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. Auf diesem Thron der Gnade sitzt der Gottessohn, der uns zugesagt hat: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Auf ihn dürfen wir uns verlassen.
In dieser Gewissheit können wir in Wort und Tat bekennen, wir haben einen Gott, der zu uns hält, dem keine Tiefe zu tief und keine Höhe zu hoch ist. Er steht für uns ein, da können wir füreinander da sein, Hilfe, Rat, Trost und Fürsorge verschenken. Viele haben unser Bekenntnis nötig, unsere Kinder zuerst und all die, die uns zum Nächsten geworden sind. Wir können kein Leid beseitigen, wir können im Namen unseres Gottes Freude und Leid tragen helfen. Das macht unser Leben fest, lässt manche Versuchung abprallen und gibt unserem Leben einen erfüllenden Sinn.
Amen.
Rüdiger Schmale, Pfarrer i.R., Werdohl
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