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Ansprache von Sup. Klaus Majoress zum Volkstrauertag 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Wer nicht fähig ist, sich zu erinnern, wird unter Umständen dazu verurteilt sein, die Geschichte noch einmal erleben zu müssen". Dieses Wort des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wendet sich gegen das Vergessen. Gegen das Vergessen dessen, was Krieg und Terror, Unrecht und Feindschaft an Leid in das Leben der Menschen hineingebracht haben.

Die Generation der unmittelbar Betroffenen, die einen Angehörigen verloren haben und die die Schrecken von Krieg, Flucht und Vertreibung erlebt haben, wird kleiner. Und viele fragen sich, warum es diesen Tag noch gibt. Aber der Blick zurück gehört zu einer der zentralen Aufgaben unserer Gesellschaft. Das Erinnern, das Nicht-vergessen des Gewesenen, das Zurückdenken an Grauen, Massenmord, an Kriegstreiberei und Völkerhass schärft unseren Blick für die Verantwortung, die wir für unsere Gesellschaft und das Zusammenleben der Völkerwelt auch in unserer Zeit und mehr noch für die Zukunft tragen.

Bilder von Terror und Krieg prägen das Leben in unserer Welt unverändert. Kriegsgebiete werden uns tagtäglich vor Augen geführt. Der 11. September ist nachhaltig in die Köpfe der Menschen eingedrungen, der nicht enden wollende Konflikt im Nahen Osten lässt sich mit Gedanken und Worten nicht erfassen. Der Irakkrieg steht mit seinen Schreckensbildern unverändert vor unseren Augen und an unsagbar vielen Orten dieser Welt sind Menschen der Kriegstreiberei der Mächtigen ausgeliefert.

Wer nicht fähig ist, sich zu erinnern wird unter Umständen dazu verurteilt sein, die Geschichte noch einmal erleben zu müssen.

Die Forderung nach sogenannten Schlussstrichen ist laut. Schlussstrich unter die Schrecken zweier Weltkriege; Schlussstrich unter den Terror des Naziregimes, Schluss mit dem Blick zurück. Schluss mit der Trauer und der Besinnnung? Brauchen wir künftig noch ein gesellschaftliches Gedenken an Ereignisse, die zunehmend weniger Menschen aus dem persönlichen Erleben kennen?

Ich sage Nein zu solchen Schlussstrichen. Ein Ausstieg aus der Geschichte, das Verdrängen des Grauens, das das letzte Jahrhundert deutscher und europäischer Geschichte geprägt hat, ist unmöglich, vielleicht sogar der erste Schritt zu neuem Hass. Wir brauchen den Blick zurück, um unsere Verantwortung für das Geschehene zu erkennen und Konsequenzen darauf für unser Handeln heute abzuleiten.

Der Theologe Peter Beier hat bei einer Jugendfahrt nach Auschwitz einmal gesagt: "Gedenkt! Erinnert nicht nur. Erinnerung atmet flach. Erinnerung spielt sentimental. Gedenken aber atmet schwer und ist ein Werk des Glaubens, der weiß: Vergangenheit ist nie vergangen, Tote sind nicht nur tot, im Haus wohnt das Gestern, und die Zukunft braucht ein langes Gedächtnis".

Erinnern und Gedenken gehören zusammen, für das persönliche Gedenken an einen Menschen, aber auch für das gemeinsame Gedenken an die Opfer von Kriegen und Gewalttaten.

Wenn persönliche Erfahrung und Betroffenheit mit den Generationen schwindet, brauchen wir Gedenkorte - Mahnmahle, Erinnerungsstätten und Gedenktage wie den Volkstrauertag.

Dieser Gedenktag weist eine lange und durchaus wechselvolle Tradition auf. Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges mit mehr als 10 Millionen Toten in Europa und anderen Teilen der Welt wurde der Volkstrauertag von dem 1919 gegründeten Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge im Jahr 1920 eingeführt. 1922 fand die Gedenkfeier erstmals im staatlichen Rahmen statt. Im Berliner Reichstag erinnerte Reichstagspräsident Paul Löbe eindringlich an das ganze Ausmaß des Leides, das der Krieg über weite Teile der Welt gebracht hatte. Zugleich rief er zu Umdenken und Umkehr auf. Ich zitiere: "Leiden zu lindern, wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr vom Hass, bedeutet Einkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not...".

Dieser Appell des langjährigen Reichstagspräsidenten stand in radikalem Kontrast zu dem, wozu der Volkstrauertag nach 1933 von den neuen Machthabern pervertiert wurde. Zum Staatsfeiertag erklärt und zum Heldengedenktag umbenannt, dienten die nun von Wehrmacht, NSDAP und Reichspropagandaministerium organisierten Massenveranstaltungen der Glorifizierung des Heldentodes für Volk, Vaterland und vor allem dem sog. Führer. Aus Trauer- und Friedensgedenken wurden Kriegsverherrlichung und Förderung von Völkerhass.

Die grausamen Folgen, mit mehr als 55 Millionen Toten werden schmerzlich bewusst. Und das ist nicht nur eine Zahl, das sind Menschenschicksale, der Verlust von Eltern Väter, Mütter, Kinder Nachbarn, Freunde, von Familie und Heimat. 6 Millionen Menschen wurden Opfer aus der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und Europas, Sinti und Roma wurden Systematisch vernichtet, Homosexuelle, Geisteskranke und andere Völkergruppen,  Widerstandskämpfer, Millionen verloren ihre Heimat, Flüchtlinge und Vertriebene kennzeichnet jahrelang das Bild eines im Chaos geendeten Landes. Und die Grauen des Terrors sind unfassbar und unvorstellbar.

Wer nicht fähig ist, sich zu erinnern, wird unter Umständen dazu verurteilt sein, die Geschichte noch einmal erleben zu müssen. Theodor Heuss rief 1952, als der Volkstrauertag zum nationalen Trauertag erklärt wurde dazu auf, das Gedenken nicht nur auf die gefallenen Soldaten zu beschränken. Vielmehr erinnerte er ausdrücklich an alle Opfer einer bösen Politik. "Der Opfer sind tausendfach mehr, bei uns, bei den anderen. Die Mahnsteine wachsen, dies gilt den Opfern der Bombenangriffe, dies wächst am Rande eines Konzentrationslagers, dies steht auf dem jüdischen Friedhof, da ist es vorbei mit dem Heroisieren, da ist einfach grenzenloses Leid. Hier die Folgen der wüsten technischen Gewalt, dort die Folgen der wüsten sittlichen Zerrüttung.

Wir dürfen keine Schlussstrich unter unsere Geschichte ziehen, denken wir hätten genug getan, wir dürfen nicht so tun, als wäre

Vielmehr sind wir gefordert, eine Kultur des gesellschaftlichen Trauerns, des aktiven Erinnerns und Gedenkens zu entwickeln. Nur diese umfassende Form der Auseinandersetzung kann uns zu verantwortlichem Handeln in Gegenwart und Zukunft anleiten. Wirkliche Trauer ist nicht rein passiv, ist nicht resignativ. Wir müssen sie vielmehr begreifen als Anregung zum eigenen Handeln, als motivierende Kraft.  Erst aus tiefem Trauern erwachsen moralische Gegenwartsverpflichtung und Zukunftsfähigkeit. Jeder getötete Soldat, jeder verhungerte und erfrorene Flüchtling, in unvergleichlicher Weise aber jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, die wegen ihrer Herkunft, ihrer Rasse, ihres Geschlechtes, ihrer Religion und aus keinem anderen Grund ermordet wurden, verlangen von uns, Gewaltherrschaft abzuwehren, Zivilcourage und Toleranz zu üben und den Krieg als Mittel der Politik zu ächten.
Auch einen Krieg den man noch so sehr als gerechten Krieg verstehen mögen will. Kein Krieg ist gerecht, kein Mittel rechtfertigt einen Krieg auch in unseren Tagen nicht. Umfassende Friedensarbeit ist der ethische Auftrag der Ermordeten und Getöteten der Kriege dieser Welt.

Diesen Auftrag zu erneuern ist Sinn des Volkstrauertages. Den Frieden nicht nur zu proklamieren, sondern gegen Feindschaft, Völkerhass, Terror und Unterdrückung alles Erdenkliche zu tun, in besonderer weise für die junge, die kommende Generation.

Die Zeichen der Zeit machen mir deutlich, dass Feindschaft und Hass keineswegs überwunden sind, solange immer noch Menschen glauben, politische, wirtschaftliche, ethnische und religiöse Konflikte mit Waffengewalt lösen zu können, so lange muss die Arbeit für den Frieden weitergehen und fordert uns, nicht nur zu klaren Worten, sondern auch zu Taten, der Toleranz, der Zivilcourage, der Überwindung von Feindschaft und Gewalt.

Deshalb müssen wir uns erinnern, müssen wir mahnend und warnend derer Gedenken, die ihr Leben auf den Schlachtfeldern unserer eigenen Geschichte lassen mussten, müssen wir mit denen trauern, die durch die Grauen der Kriege Angehörige, Freunde, Vertraute verloren haben.

Kriege haben im zu Ende gehenden Jahr Bilder vor Augen geführt, die uns immer wieder erschrecken lassen müssen und uns wach rufen müssen.


WÖCHENTLICHE ANDACHT

Andacht zum Sonnatg von Pfr. i.R. Rüdiger Schmale, Werdohl

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