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Liebe Leserinnen und Leser,
wenn es heute Abend still wird, der geschäftliche Trubel vorbei ist, die Glocken läuten, die Kerzen schimmern und der Gottesdienst zur Andacht einlädt, dann beginnt so etwas wie der „Heilige Abend“ auch bei uns. „Heilig“ das ist etwas Besonderes, etwas nicht Machbares, etwas, das von Gott kommt. Unweigerlich kommt mir in jedem Jahr das Lied in den Sinn, das etwas kitschig in unseren Ohren klingt, aber gleichzeitig auch berührend ist: „Stille Nacht, heilige Nacht! Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf in himmlischer Ruh.“
1816 schrieb Joseph Mohr das Lied in Oberndorf an der Salzach. Viele werden die hervorragende Verfilmung kennen. 1816 war ein besonderes Friedensjahr: Der Münchner Friede wurde in Folge der napoleonischen Kriege geschlossen. Die Besatzer zogen raubend und plündernd ab. Ein Aufatmen ging durch das Land. Aber statt nun Ressentiments gegen die Fremden zu schüren, ruft Moor mit dem Lied zu Versöhnung und Geschwisterlichkeit. Eine Versöhnung, die ihren Grund nicht in politischen Idealen oder strategischer Zweckmäßigkeit findet, sondern darin, dass Jesus für die Menschen in aller Welt Bruder ist und alle Völker der Welt in ihm verbunden sind.
Schade, dass die 4. Strophe kaum noch abgedruckt und gesungen wird. „Stille Nacht, heilige Nacht! Wo sich heut alle Macht väterlicher Liebe ergoss und als Bruder huldvoll umschloss, Jesus die Völker der Welt.“ Durch die Auslassungen dieser und anderer Strophen bleibt nur eine still verträumte Idylle übrig, der „holde Knabe im lockigen Haar“. Der völkerverbindende Impuls fiel weg, die vehemente Zusage der Gnade Gottes wird zurückgedrängt, die Absage an den zornigen Gott gestrichen. Immer wieder haben Machthaber, z.B. die Nazis, versucht, das Lied zu verdrängen. Trotzdem hielt und hält es die Menschen im Glauben zusammen. Es verbindet uns weltweit, über alle Grenzen hinweg und führt auf Japanisch und Zulu, Quechua und Englisch, Deutsch und Polnisch die Völker um die Krippe zusammen, verbindet die Völker der Welt, die Konfessionen und Traditionen. Ich freue mich, dass wir ein Lied haben, mit dem rund um den Erdball das Geheimnis der Menschwerdung Gottes besungen wird.
Wenn es nun bei uns „Stille Nacht“ wird, dann lassen Sie uns nicht vergessen, dass Gott den Heiligen Abend für alle Menschen dieser Erde werden ließ.
Mit den besten Segenswünschen für das Weihnachtsfest
Ihr Klaus Majoress, Superintendent
Zur Kenntnisnahme die vollständige Fassung des Liedes:
Joseph Mohr, 1816 (1792-1848)
1. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Alles schläft; einsam wacht
Nur das traute heilige Paar.
Holder Knab' im lockigten Haar,
|: Schlafe in himmlischer Ruh! :|
2. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb' aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund'.
|: Jesus in deiner Geburt! :|
3. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höhn,
Uns der Gnaden Fülle läßt sehn,
|: Jesum in Menschengestalt! :|
4. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß,
Und als Bruder huldvoll umschloß
|: Jesus die Völker der Welt! :|
5. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit
In der Väter urgrauer Zeit
|: Aller Welt Schonung verhieß! :|
6. Stille Nacht! Heil'ge Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Alleluja,
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
|: "Jesus der Retter ist da!" :|
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