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Räume öffnen, in denen Fremde Freunde werden

3.7.2019

Ehrengast bei der Synode war Donda Simanjuntak (m.), Präses des indonesischen Partnerkirchenkreises Toba Hasundutan. Simanjuntak predigte u.a. im Gottesdienst der Synode zum Thema ‚Kirche und Migration‘, mit deutscher Übersetzung von Tionia Sihombing (l.). Klaus Majoress, Superintendent des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, bedankte sich ausdrücklich für den Besuch und das Engagement von Donda Simanjuntak mit einem künstlerischen Kreuz für den Partnerkirchenkreis (Foto: Haidle)

Von Christin Haidle

 

KIRCHENKREIS / VALBERT + Als ob der liebe Gott das Thema „Fremdheit“ ganz leiblich erfahren lassen möchte, ist es an diesem Samstag brütend heiß. Für die 84 anwesenden synodalen Sauerländer keine allzu vertraute Situation. Ebenso wenig wie die Herausforderung einer zweisprachigen Predigt zu folgen. Donda Simanjuntak, Präses des indonesischen Kirchenkreises Toba Hasundutan, spricht im Eröffnungsgottesdienst der Synode indonesisch, mit einer folgenden deutschen Übersetzung einer Mitarbeiterin. Vertraut werden erst ihre ausgewählten biblischen Geschichten. Denn im Rahmen der Auseinandersetzung mit Fremdheit sind diese Migrationserfahrungen von Abraham bis Jesus ausschlaggebend. Deutschland ist ein so offenes, freundliches Land, empfindet die Predigerin. Und dennoch: „Es gilt, einen Raum zu schaffen, in den der Fremde eintreten und ein Freund werden kann, anstatt ein Feind zu bleiben,“ zitierte Übersetzerin Tionia Sihombing Henri Nouwen.

 

Wie solche Räume im Kirchenkreis ganz praktisch aussehen können darüber wird im Anschluss im Gemeindesaal der Ev. Kirchengemeinde Valbert ausführlich berichtet.

Pfarrer der Arbeitsstelle MÖWe der EkvW Martin Ahlhaus stellt dazu das Impulspapier der Landessynode vor. Die Hauptvorlage „Ich bin fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ erscheint erstmalig in einer interaktiven, multimedialen Form, der Homepage www.kircheundmigration.ekvw.de. Für manch Einen so neuartig, dass die digitale Auseinandersetzung Überwindung gekostet haben mag. Inhaltlich geht sie von den vier Grunddimensionen der Kirche Gemeinschaft, Gottesdienst, Zeugnis und Diakonie aus und stellt unterschiedliche Praxisbeispiele aus westfälischen Gemeinden und Einrichtungen vor. Sehr anschaulich lassen sich daraus die notwendigen Aufgaben beschreiben, die sich für Kirche und Gesellschaft ergeben.

 

Pfarrer Ahlhaus macht in seinem Vortrag deutlich: Migration ist biografisch betrachtet etwas Normales. Jeder der umzieht oder in eine neue Lebensphase eintritt kennt die Herausforderungen mit der verunsichernden Fremde. Wird Migration erzwungen, dann haben wir es mit Flucht zu tun. Und damit einhergehend oft mit Trauma und existentieller Angst. Davon weiß Michael Wirth, Leiter des Fachbereichs „Regionale Flüchtlingsberatung“, zu berichten. Lädt er Geflüchtete dazu ein ihre Biografien niederzuschreiben, bekommt er erschütterndes zu lesen. Vermutlich sind es genau solche Erlebnisse, die erklären, warum sich Mitarbeitende des Diakonischen Werkes des Kirchenkreises mehr geistliche Angebote an ihrem Arbeitsplatz wünschen. Dies geht aus einer Werteumfrage hervor, auf welche Diakoniepfarrer Dr. Christof Grote neugierig macht.

 

Ioannis Mavroidopoulos (l.) und Michael Wirth (m.) gaben in einem Vortrag Einblicke über ihre Arbeit im Bereich ‚Migration und Flucht‘. Das Geschilderte stimmte die Synodalen zeitweise sehr betrübt und nachdenklich. Umso erfreulicher, dass auf der Synode zu weiten Teilen eine gelöste und positive Stimmung herrschte, die dann nicht nur auch Mavroidopoulos und Wirth erfreuen konnte (Foto: Haidle)

Ioannis Mavroidopoulos (l.) und Michael Wirth (m.) gaben in einem Vortrag Einblicke über ihre Arbeit im Bereich ‚Migration und Flucht‘. Das Geschilderte stimmte die Synodalen zeitweise sehr betrübt und nachdenklich. Umso erfreulicher, dass auf der Synode zu weiten Teilen eine gelöste und positive Stimmung herrschte, die dann nicht nur auch Mavroidopoulos und Wirth erfreuen konnte (Foto: Haidle)

 

 

Wo, wenn nicht bei der Konfrontation mit Not und Elend braucht es mehr seelsorgerlichen Rückhalt und christlichen Zuspruch? Dies wünscht sich nicht nur Pfarrer Reiner Fröhlich, der einen Zusatzantrag an die Landessynode stellt. Darin fordert er in den geplanten nordrheinwestfälischen „Ankerzentren“ die Einrichtung einer institutionellen kirchlichen Präsenz. Diesem Antrag wird mit lediglich sechs Enthaltungen stattgegeben.

 

Die Hinführung zur Abstimmung über die Beschlussvorlage an die Landeskirche wird durch Dipl. Pädagogen Ioannis Mavroidopoulos ergänzt, welcher über die Herausforderungen und Errungenschaften im Bereich Integration und Sprache berichtet: „Ein Leben in Vielfalt muss trainiert und diskutiert werden. Es braucht eine Streitkultur, aber „wir streiten nicht um zu gewinnen“.

 

Superintendent Majoress lobt das vielfältige Engagement: „Wir sind in unserem Kirchenkreis gut aufgestellt.“ In einer Wortmeldung wird in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass die Bekämpfung der Fluchtursachen in den jeweiligen Ursprungsländern nicht vernachlässigt werden dürfen. Abschließend zu diesem Themenblock geht es zur Abstimmung der Beschlussvorlage „Kirche und Migration“, die sich ohne eine Gegenstimme durchsetzt.

 

Im Antrag an die Landeskirche erbittet die Kreissynode unter anderem:

  • den Ist-Stand im Einsatz um Aufnahme und gerechter Teilhabe Geflüchteter zu erhalten
  • die um ihres Glaubens willen verfolgten Christen besonders zu unterstützen
  • personelle und finanzielle Ressourcen weiterhin bestehen zu lassen und
  • der Kriminalisierung der zivilen Seenotrettung ein Ende zu setzen.

Das Abstimmungsergebnis unterstreicht die bisherige Zustimmung des Kirchenkreises und der Landeskirche zu einer offenen Migrationspolitik in unserem Land.

 

Doch selbst wenn viele Rahmenbedingungen erfüllt werden, funktioniert auch bei dieser Thematik das schnelle Prinzip eines Kaugummi-Automatens nicht: Kluge Beschlüsse oben rein und umgehend die gewünschte Integration unten raus. Dass Fremde zu Freunden werden, braucht Zeit. Und es braucht Mut, den ‚Christus‘ willkommen zu heißen, der sich auch im Fremden zuhause fühlt.

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