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Superintendent Klaus Majoress –
Ein echter Sauerländer und noch soviel mehr!

4.11.2019

Superitendent Klaus Majoress in seinem Büro im 'Haus der Evangelischen Kirche' in Lüdenscheid (Foto: Kannenberg)

Von Iris Kannenberg

 

KIRCHENKREIS + Superintendent Klaus Majoress ist im ganzen Kirchenkreis Plettenberg-Lüdenscheid und weit darüber hinaus eine bekannte Persönlichkeit. Kaum ein Tag, an dem er nicht in den Medien präsent ist. Er setzt sich ein. Für seinen Kirchenkreis, für seine Pfarrer und Pfarrerinnen, für die vielen Gemeinden, die es zwischen Lüdenscheid und Plettenberg gibt.

 

Er ist aber auch jemand, der weit über die evangelische Kirche hinaus gehört und um Rat gefragt wird. Der sehr klar Stellung bezieht, wenn es darum geht, für Menschenrechte aktiv einzutreten. Er nimmt da kein Blatt vor den Mund und lässt sich vor keinen politischen Karren spannen Klaus Majoress spricht die Dinge so aus, wie sie sind. Bietet aber auch immer Lösungen an. Er lebt einen sehr lebendigen Glauben, in dem es darum geht, die Liebe Gottes nicht nur mit Worten sondern auch mit Taten zu bezeugen. Für das nachfolgende Interview trafen wir uns mit ihm im „Haus der Kirchen“ in Lüdenscheid. Hier ist sein „Hauptquartier“, von dem aus er als Superintendent operiert. Trotz höchstsommerlicher Temperaturen empfing er mich gut gelaunt und völlig entspannt. Und nahm sich viel Zeit einfach mal zu reden.

 

Vielen Dank für das persönliche Interview, Herr Majoress. Ihren Namen kennen viele Menschen zwischen Lüdenscheid und Plettenberg, Ihre ganz persönliche Geschichte eher nicht. Die hat es ja durchaus in sich. In Ihnen steckt nämlich nicht nur ein waschechter Sauerländern. Sondern Sie sind, wie so viele Menschen gerade in der heutigen Zeit, der Nachkomme zweier Flüchtlinge, die es auf Umwegen in das kleine Sauerländer Wiblingwerde verschlagen hat.

 

So ist es. Ich bin sogar gebürtig aus Wiblingwerde. Ich habe lange in der dortigen Grundschule Wiblingwerde gewohnt. Von meinem 9. bis zu meinem 15. Lebensjahr. Meine Mutter war Hausmeisterin da. Davor bin ich auf dem Buchholz groß geworden. Das liegt unterhalb von Wiblingwerde und besteht genau aus einem Haus.

 

Meine Mutter war tatsächlich ein Flüchtling. Sie ist über Umwege nach dem Krieg auf dem Hallenscheid gelandet. Sie kommt ursprünglich aus Ostpreußen und hat damals beim Bauer Brinker Zuflucht gefunden. Mein Vater ist fast zeitgleich ein paar Häuser weiter eingezogen. In Kreinberg. Beim Bauer Knipps. So haben sie sich kennengelernt. In Nachrodt-Wiblingwerde. Mein Vater kommt aus Rumänien und ist ebenfalls Flüchtling. Ich bin also keinesfalls ein reinrassiger Sauerländer.

 

Eigentlich gar nicht.

 

Eben. Ich bin ein echtes Flüchtlingskind. Und im Buchholz groß geworden. Ich habe bis zum Abitur in Wiblingwerde gewohnt. Also 18 Jahre. Das Abi habe ich in Altena gemacht. An den kaufmännischen Schulen.

 

Haben Sie deshalb so ein Herz für Flüchtlinge? Weil Sie selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stammen?

 

Vielleicht ja. Das ist die eigene Prägung. Meine Eltern hatten auch immer ein ganz großes Herz für Flüchtlinge. Ja, man kann das wohl so sagen. Was vielen nicht so klar ist: Auch die Bibel ist voller Flüchtlinge. Moses, David, das ganze Volk Israel, Jesus, dessen Eltern vor der Verfolgung durch Herodes nach Ägypten flüchten mussten. Später die Apostel, die gemeinsam mit den ersten Christen quer durch ganz Europa geflohen sind. Die Bibel ist ein Buch über Flucht. Natürlich ist man als Christ da aufgefordert, über seine Haltung zu Flüchtlingen sehr genau nachzudenken. Ob man nun aus so einem persönlichen Hintergrund kommt wie ich oder nicht.

 

Sie haben sich sehr für die Flüchtlinge eingesetzt, die 2015 in den Kirchenkreis kamen.

 

Was ich so tun konnte, habe ich getan. Meine Frau wollte immer unbedingt, dass wir eine geflüchtet Familie bei uns zu Hause aufnehmen. Da war sie selbst aber schon krank, deshalb ging das nicht. Ich habe aber bei ihrer Beerdigung (sie ist 2018 gestorben Anm. de Red.) für Flüchtlinge sammeln lassen. Da ist ein toller Betrag zusammengekommen. Insgesamt 8000 Euro konnten wir der Flüchtlingshilfe zur Verfügung stellen. Sie wollte immer so gerne helfen, aber wir hätten es gerade in dieser Zeit einfach nicht verkraftet. Sie war schon zu krank.

 

Haben Sie selbst noch Beziehungen zu den Ursprungsländern Ihrer Eltern.

 

Ich war oft in Rumänien. Das erste Mal mit ca. 9 Jahren. Danach sind wir regelmäßig alle zwei Jahre dorthin gefahren. Ich komme aus dem Banat, also von der ungarischen Grenze. Dort lebten die katholischen Schwaben. In dem anderen Teil lebten die evangelischen Sachsen. Richtung Siebenbürgen. Ich habe dadurch natürlich gerade zu Rumänien eine tiefe Beziehung aufgebaut.

 

Sind Sie also ein 'katholischer Schwabe'?

 

Nicht mehr. Jetzt bin ich ein evangelischer Sauerländer. Mein Vater war Katholik, ist aber dann konvertiert. Er musste damals evangelisch werden, sonst hätten er meine Mutter nicht heiraten dürfen. Das war bis vor ein paar Jahrzehnten eben noch so.

 

Waren Ihre Eltern gläubig?

 

Sie waren sehr kirchlich geprägt und haben sich dort sehr engagiert. Beide und ganz viel. Sie hatten immer einen festen, tiefen Glauben, den sie mir auch vermitteln konnten.

 

Und das hat Sie geprägt?

 

Natürlich. Das hat mich sehr geprägt. Ich bin von meinem ersten Lebensjahr an jeden Sonntag in der Kirche gewesen. Hab ganz brav auf der Kirchenbank gesessen. Gehörte einfach zu meinem Leben. Später habe ich mich in der Kirche in Wiblingwerde in der Jugendarbeit engagiert. Die ist wirklich meine Heimatkirche. Dort bin ich getauft worden und später konfirmiert. Dort habe ich auch geheiratet und meine Frau ist auf dem Friedhof in Wiblingwerde beerdigt. Auch unser Sohn hat in dieser schönen evangelisch reformierten Kirche geheiratet.

 

War das für Sie klar, dass Sie Pfarrer werden wollten?

 

Nein, gar nicht. Ich habe ein Wirtschaftsabitur gemacht. Ich wollte schon im Einzugsbereich der Kirche bleiben, aber eher nicht als Pfarrer. Ich hatte einfach Zweifel, ob ich dafür die Eignung besitze. Nach dem Abitur habe ich mich aber dann doch dafür entschieden, Theologie zu studieren.

 

Hatten Sie eine göttliche Offenbarung?

 

Nein. Ich habe einfach viele Gespräche geführt. Mit meinem Pfarrer, Bekannten und Freunden. Mit meiner Familie. Die sagten übereinstimmend: „Mach das einfach mal. Das wird gut.“ Ich hatte schon eine große Hürde zu überwinden. Ich musste während des Studiums drei Sprachen lernen: Griechisch, Latein und Hebräisch. Das war eine echte Herausforderung. Ich habe 1976 angefangen, in Betel Theologie zu studieren. Danach war ich an der Universität in Heidelberg und danach in Münster.

 

Sie sind ganz schön herumgekommen.

 

Das war ja noch nicht alles. 1980 bin ich ins Vikariat nach Western-Kappeln in der Nähe von Lotte gegangen. Das ist in der westfälischen Region Tecklenburger Land (Kreis Steinfurt). Von da dann nach Ostwestfalen. Noch weiter weg.

 

Hatten Sie Sehnsucht nach dem Sauerland?

 

Ich muss gestehen: Überhaupt nicht. Ich habe mich da oben an der Grenze zu Niedersachsen sehr wohl gefühlt. Allerdings habe ich dann geheiratet und meine Frau war ja auch Pfarrerin. Wir haben von da an Ausschau nach einer Pfarrstelle gesucht, in der wir gemeinsam arbeiten konnten. Und so sind wir dann doch wieder im Sauerland genauer gesagt in Plettenberg gelandet. Dort haben wir uns beworben und sind auch gewählt worden. Daraufhin haben wir uns eine Stelle geteilt. Bis 1996.

 

Sie sind ja tatsächlich jetzt auch schon viele Jahre Superintendent des Kirchenkreises Plettenberg / Lüdenscheid. Muss man solch eine zielgenaue Vorgeschichte wie Sie haben für so einen Job? Man sagt ja nicht als Kind „Ok, ich werde jetzt einfach mal Superintendent.“

 

Nein, muss man eigentlich nicht. Aber es ist sicher hilfreich, wenn man von klein auf in der Kirche mit lebt und da auch groß wird. Man muss natürlich auch als Pfarrer arbeiten und sich in diesem Amt bewährt haben. Dann kann man eben auch und vielleicht Superintendent werden.

 

Allein die Bedeutung dieses Wortes ist ja den meisten eher schleierhaft.

 

Der Titel Superintendent stammt noch aus der Reformation. Martin Luther musste nach der Abspaltung von der Katholischen Kirche die Gemeinden neu ordnen. Er brauchte für die damaligen Pfarrer und für gewisse Regionen, die heute die Kirchenkreise sind, eine kirchliche Aufsicht. Darum hat er das Amt des Superintendenten eingerichtet.  Als Aufsicht über die Pfarrer und über die Gemeinden sowie zur Koordination und Einführung in das Amt des Pfarrers. Das ist heute immer noch das Grundgeschäft, also die Kernkompetenz des Superintendenten. Vor allem die Ordination, also die Übertragung der Rechte zur Verkündigung und Sakramentsverwaltung.

 

Dann sind Sie ja ein echt heiliger Mann!

 

Sie sind genauso heilig! Nach evangelischem Verständnis gibt es da überhaupt keine Unterschiede zwischen uns.

 

Der Titel Superintendent kommt übrigens vom griechischen „Episkopus“. Das heißt übersetzt eigentlich nicht mehr, als „Der, der weit schauen kann“. Also die Gesamtübersicht hat. Luther hat das einfach ins Lateinische übersetzt. So wurde daraus der Superintendent.

 

Wie wird man denn nun ein Superintendent. Ein echter Episkopus?

 

Genau. Das war ja die Frage. Also: So ein Episkopus wird man ganz schlicht durch eine Wahl. Durch die Kreissynode. Man wird vorgeschlagen zusammen mit einigen anderen und dann wird der oder diejenige zum Superintendenten ernannt, für den sich die Mehrheit der Synode entscheidet. Superintendent ist ja kein Ausbildungsberuf sondern eher eine Berufung.

 

1997 wurde ich vorgeschlagen und bin gewählt worden. In einem demokratischen Wahlverfahren. Erst für den Kirchenkreis Plettenberg. Nach der Vereinigung der beiden Kirchenkreise Plettenberg und Lüdenscheid im Jahr 2000 für den so entstandenen Kirchenkreis Plettenberg-Lüdenscheid.

 

Was hat sich danach für Sie geändert.

 

Wir sind zunächst mal nach Lüdenscheid gezogen und ich hatte keine eigene Gemeinde mehr. Ich habe aber auch als Superintendent noch sehr viel gepredigt, Gottesdienste gehalten und bin viel in Gemeindegruppen unterwegs gewesen. Deshalb habe ich das Pfarrer-Sein gar nicht so vermisst. Ich bin bis heute regelmäßig für Gottesdienste eingeteilt. Natürlich reise ich auch viel herum und predige zu besonderen Anlässen. Das ist nun einmal meine Aufgabe als Leiter des Kirchenkreises. Ich springe aber auch bei Engpässen in den Gemeinden gerne ein. Klar, das ist ja selbstverständlich. Wenn Kollegen lange krank sind z.B.

 

Sie sind auch politisch aktiv?

 

Schon. Aber nicht parteipolitisch. Ich nehme allerdings an Veranstaltungen teil, die den Menschen an sich betreffen. Bei denen es darum geht, gegen Ungerechtigkeit und für ein menschliches Leben in Würde, Stellung zu beziehen. Das gehört für mich zum Christsein dazu. Meiner Meinung nach hat Christsein immer eine politische Komponente. Und sich nicht zu positionieren, beinhaltet ja auch eine politische Aussage.

 

So wie ich die Bibel verstehe und die Aussagen Jesu Christi, geht es darum, für Gerechtigkeit und Recht und die Verantwortung gegenüber der Schöpfung Gottes einzutreten. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass von der biblischen Botschaft aus auch immer politische Verantwortung ausgeht. Man kann sich gerade als Christ da nicht einfach der Stimme enthalten. Ich lasse mich jedoch nicht von Parteien instrumentalisieren, sondern vertrete ganz klar die Position eines Superintendenten der evangelischen Kirche, die fest auf biblischem Boden gegründet ist.

 

Sie gehen ja im Sommer 2020 in den Ruhestand?
Was wünschen Sie sich für die Kirche der Zukunft.

 

Unsere PfarrerInnen sehen sich stetig mehr Aufgaben gegenüber, da wir nicht genug nachrückende Pfarrer haben. Ich wünsche mir mehr Menschen, die sich wieder für das Amt des Pfarrers begeistern lassen. Entlastung für diejenigen, die jetzt gerade Gemeinden leiten. Eine Möglichkeit wäre es sicher, mehr Prädikanten auszubilden und die Prädikantenstellen auch zu bezahlen. Damit könnte man vielen Engpässen begegnen und engagierte Gemeindemitglieder mit ins Boot holen. Das Interesse ist auf jeden Fall von beiden Seiten da. Von den Gemeinden, aber auch von den Gemeindemitgliedern.

 

Zudem wünsche ich mir, dass wir auch an für die Kirche ungewöhnlichen Orten mehr präsent sind. Der Stadtfestgottesdienst in Lüdenscheid 2018 hat mich begeistert und ist ein Beispiel für einen Ort, an dem man einen Gottesdienst eigentlich nicht vermutet. Wenn Gemeinden, auch überkonfessionell, so etwas gemeinsam auf die Beine stellen, sind wir auf einem guten Weg. Da ist auch schon viel passiert. Kann aber ruhig noch mehr passieren. Gelebter Glauben ist etwas Lebendiges. Und überhaupt nicht langweilig oder verstaubt. Allerdings muss man sich gerade in der heutigen Zeit dafür eben aufmachen und buchstäblich an die Hecken und Zäune gehen, um die Menschen da abzuholen, wo sie leben, arbeiten und auch feiern.

 

Wie sieht das Leben nach dem Amt des Superintendenten aus? Haben Sie schon Pläne?

 

Ich will mich einfach mal ein wenig entschleunigen. Nach dem Tod meiner Frau wurde mir unser gemeinsames Haus zu groß. Ich ziehe daher nach Herscheid. In eine Wohnung. Mitten in die Natur. Ich freue mich darauf, zu wandern, alte Freundschaften zu pflegen, neue Freundschaften aufzubauen und in Ruhe alles auf mich zukommen zu lassen, was da noch so an Herausforderungen auf mich warten mag.

 

Klar werde ich auch noch dann und wann predigen und mich engagieren. Es gibt ja genug zu tun. Aber ich kann mir dann aussuchen, was, wo und wie viel. Ich war immer mit Begeisterung Superintendent. Ich freue mich aber auch auf das ruhigere Leben danach. Herscheid hat mir irgendwie zugelacht. Ich denke, der Ort ist genau der Platz, an dem ich nach meiner Pensionierung sein sollte. Was dann kommt, liegt in Gottes Hand. Ich habe da großes Vertrauen, dass etwas Neues, Gutes auf mich wartet.

Schau’ n wir einfach mal...

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