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Nur noch eine Tür - „Wer es versteht zu lieben, versteht auch zu sterben!“

2.12.2019

Martin Pogorzelski (r.), als Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde und Sprecher der Ökumenischen Hospizgruppe Halver, führte in den Abend ein und begrüßte Uwe Schulz im vollbesetzen Kulturbahnhof (Foto: Haidle)

HALVER + Seine Stimme kennen viele. Eloquent ist seine Sprache und smart sind seine Formulierungen: Uwe Schulz, WDR 5 Moderator und Autor. Er liebt die Tasse(n) Kaffee. Er liebt die Gelb-Schwarzen (Kicker). Und er liebt die Mama. Dieser seiner Mutter widmet er seine öffentlichen Abende fernab des Hörfunkstudios. Wer sich so vorstellt, der überrascht auch weiter.

 

„Nur noch eine Tür“, so lautet der Titel des Buches von Uwe Schulz, das im Mittelpunkt dieser Lesung und des Erfahrungsaustausches steht. Zu Beginn der Veranstaltung platzt der Kulturbahnhof Halver aus allen Nähten, so dass Martin Pogorzelski den Abend mit der freudigen Feststellung eröffnet: „Nur noch ein freier Stuhl!“. Pogorzelski ist nicht nur Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Halver, sondern auch Sprecher der Ökumenischen Hospizgruppe Halver, die den Abend organisiert hat. In ihr engagieren sich ehrenamtlich Mitarbeitende der freien-evangelischen Gemeinden, der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, sowie der Senioreneinrichtungen Bethanien und Waldfrieden. „Wir verstehen uns als Unterstützung der Arbeit der Arche e.V.“, so Pogorzelski, der den Abend als Moderator wohltuend rahmt. Ute Gall, Leiterin dieses ambulanten Hospizes, verfügt über die Gabe Menschen einer gleicher Vision zusammenzubringen. Uwe Schulz ist einer davon. Die berührenden Erfahrungen, die er mit seiner Mutter auf ihrem letzten Weg machen durfte, ließen ihn in die Welt der Hospizbewegung eintreten. Dort ist Ute Gall schon lange zu Hause und prägt die 65 ehrenamtlichen HospizhelferInnen ihrer Einrichtung in einer Haltung der Selbstverständlichkeit. Das Sterben gehört zu jedem Leben dazu.

 

Nur noch eine Tür Hospiz Uwe Schulz Haidle

Ohne Kontaktscheu begegnet Schulz den Gästen. Wie wichtig Körperkontakt sein kann, hat er im Hospiz gelernt (Foto: Haidle)

 

„Die meisten von uns werden nicht dort sterben, wo die meisten von uns sterben möchten“, bedauert Schulz ebenso wie eine politische Tatsache: Auch im Angesicht des Todes wird mehr Geld in lebenserhaltende Maßnahmen gesteckt als in die Palliativmedizin. Palliativ meint die Bemühung, die Beschwerden einer Krankheit zu lindern, hingegen das Bekämpfen der Ursachen einer Krankheit (nunmehr) zu unterlassen.
Hinter diesen nüchternen Begriffen steckt im besten Falle eine Hospizschwester wie Ingrid Etienne. Ihr verdankt Uwe Schulz einen unbeschwerten Umgang mit dem Tod und einen faszinierenden Perspektivwechsel. Wer hat was zu geben?

 

Da ist Nico. Sein Leben wird nach nur 18 Jahren von einem Gehirntumor zerstört. Die Hoffnung und Widerständigkeit, mit denen er die letzten Monate seines jugendlichen Lebens bestreitet, sind beeindruckend und geben Kraft. Oder Sophia, das mehrfachbehinderte Mädchen, die nicht viel kann, wohl aber das eine: Menschen durch ihren offenen Blick tief berühren. Diese und weitere Erfahrungen teilt Uwe Schulz in seinem Buch. Darin lernt man zwanzig Personen kennen, die sich sowohl in den zu bewältigenden Aufgaben, als auch in ihren Glaubensgrundsätzen unterscheiden.

Eine Aufgabe scheint jedoch allen gemein, nämlich das Loslassen. Sei es die eigenen Vorstellungen, wie das Gegenüber zu sterben hat. Oder es geht um die Verabschiedung von Klischees und falschen Glaubenssätzen. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinen „Von Guten Mächten“ „so nehmen wir ihn (den schweren Kelch, den bittren...) dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand“. Gott schickt kein Leid um zu bestrafen. Vielmehr wird Uwe Schulz davon überrascht, wie viel Freude und Leben auf der Schlussgeraden des Lebens zu finden ist.

 

Nur noch eine Tür Hospiz Uwe Schulz Haidle

Mit so einem Besucherandrang hatten die Veranstalter nicht gerechnet. Mit Freude wurden alle vorhandenen Stühle nachgestellt (Foto: Haidle)

 

Es sind viele intensive Eindrücke, die an diesem Abend auf die Anwesendenen einwirken. Da kommen die musikalischen Zwischentöne von Andreas Wippermann wie gerufen. Mit seiner Gitarre und Mundharmonika unterstreicht er die dichte Thematik auf sinnliche Weise.

Atmosphäre, Berührungen, Sinnlichkeit, diese Punkte erfahren in der Hospizarbeit große Bedeutung. Ute Gall erinnert sich mit Schrecken an ihre Anfänge als einstige Krankenschwester: „Da sind die Patienten zum Sterben tatsächlich noch ins Badezimmer geschoben worden!“

Nicht selten erleiden Sterbende einen Sprachverlust. Dann müssen andere Kanäle geöffnet werden. Hier braucht es Empathie, also die Fähigkeit spüren zu können, was das Gegenüber bewegt. Uwe Schulz wichtigste Botschaft: „Es geht um den Menschen, der seinen letzten Weg bestreitet. Nicht um Sie!“ Er macht Mut, sich schon früh mit den Anvertrauten darüber auszutauschen: „Was bedeutet für dich gutes Sterben?“. Für viele sind ein versöhnter Rückblick und eine aufgeräumte Lebensstraße wichtig. „Was habe ich eigentlich aus dem gemacht, was mir geschenkt wurde?“. Oft hat Schulz ein Bedauern vernommen. Darüber, dass gerade die wichtigsten Beziehungen vernachlässigt wurden. Oder der Kontakt zu sich selbst verloren gegangen ist. „Hätte ich doch mehr gemacht, was meinem Wesen entspricht!“

 

An diesem Abend werden entsprechend solche Wesen sichtbar: Sinnesfreunde, Visionäre, Ermutiger, Seel-Sorger. Und spürbar sind auch die guten Mächte, die wunderbar bergen.

Wer hätte denn erwartet, dass durch das Mikro vom Herrn „Morgenecho“- Schulz einmal folgende Ermutigung tönt:

„Sie sind eine gute Idee Gottes! Ich bin der festen Überzeugung, dass jedes Leben eine gute Idee war. Und es macht einen Unterschied, dass Sie da sind. Nehmen Sie diese Idee doch an. Seien Sie die, als die sie erdacht wurden!“

Es sind solche Sätze, die wir zum Leben brauchen. Und vermutlich tragen sie auch über die Schwelle des Todes hinaus. ©CH

 

Nur noch eine Tür Hospiz Uwe Schulz Haidle

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