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Geborgen auf den Wegen des Lebens

24.5.2020

Das Wort zum Sonntag: Diesmal mit Gedanken von Bärbel Wilde, Ev. Pfarrerin im Ruhestand (Grafik: EKKLP)
Das Wort zum Sonntag: Diesmal mit Gedanken von Bärbel Wilde, Ev. Pfarrerin im Ruhestand (Grafik: EKKLP)

Es war bei einer Geburtstagsfeier im Seniorenkreis. Jedes Geburtstagskind durfte sich ein Lied wünschen. Unsere alte Diakonisse Helene Brandt gehörte damals auch dazu. Sie wünschte sich das Lied: "Weiß ich den auch nicht, du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und friedevoll".

 

Nach der letzten Strophe erzählte sie, warum dieses Lied für sie eine besondere Bedeutung hat. In ihrer Jugend lernte sie eine Diakonisse kennen, die 1919, also während der russischen Revolution, wegen ihres Glaubens im Zentralgefängnis in Riga war. Am 22. Mai 1919 wurde eine andere Gefangene dort zur Hinrichtung geführt. Marion von Kloth, 21 Jahre alt. Sie war trotz ihres Alters schon eine bekannte Sängerin. Da ertönte ihre Stimme: „Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit. Dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.“ Auf dem Weg zur Erschießung sang Marion von Kloth dieses "Überwinderlied der baltischen Märtyrer", das Hedwig von Redern 1901 gedichtet hatte.

 

Seitdem bedeutet mir dieses Lied viel. Es ist ja eigentlich ein Gebet: „Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät.“ Das Lied lädt uns ein, mit Gott zu rechnen – gerade auch in Coronazeiten. Wenn Gott die Kraft gibt, angesichts des Todes noch zu singen, dann gibt er auch die Kraft und Mut im Leben.

 

Wir erleben, dass unsere Angst vor Krankheit uns lähmt. Wie gut zu wissen, dass Gott nicht alles aus den Händen geglitten ist, sondern dass er die Fäden der großen Weltgeschichte und die meines kleinen Lebens in seiner Hand hält. Er ist mächtiger als alle Mächte, die unser Leben bedrohen. Er weiß immer einen Weg.

Bärbel Wilde

Pfarrerin im Ruhestand

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