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Innerkirchliche Selbstbeschäftigung statt transparenter Aufarbeitung

25.3.2024

Direkt nach der offiziellen Vorstellung der Substudie nahm Christof Grote, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, zu den Ergebnissen Stellung (Foto: EKvW
Direkt nach der offiziellen Vorstellung der Substudie nahm Christof Grote, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, zu den Ergebnissen Stellung (Foto: EKvW

KIRCHENKREIS + Am 21. März wurde die ForuM-Substudie „Aufarbeitung vor Ort“ zu den Missbrauchsfällen in der Ev. Kirchengemeinde Brügge-Lösenbach (Evangelischer Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg) vorgestellt. Prof. Dr. Martin Wazlawik (Hochschule Hannover) sowie Helga Dill und Sabine Wallner (Institut für Praxisforschung und Projektberatung, München) hatten die Ergebnisse hier der Öffentlichkeit präsentiert. Dazu waren neben Betroffenen auch Leitungspersonen und an der Aufklärung Beteiligte aus Landeskirche, Kirchenkreis und Gemeinde sowie Medienvertreter ins Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) gekommen. Dr. Christof Grote, Superintendent des heimischen Kirchenkreises, nahm direkt nach der Studienpräsentation in Bielefeld dazu Stellung:

 

 

„Im Sommer 2020 hat sich eine Gruppe Betroffener bei der Ansprechstelle unserer Landeskirche gemeldet und sexualisierte Gewalt durch einen ehrenamtlichen Leiter einer Jungengruppe in einer Evangelischen Kirchengemeinde in Lüdenscheid gemeldet. In der Evangelischen Kirchengemeinde Brügge-Lösenbach sind die Übergriffe über Jahrzehnte hinweg geschehen. Vorwiegend in einer Jungengruppe im Gemeindezentrum Lösenbach, aber leider auch darüber hinaus.

 

Als ich die Studie kurz vor der offiziellen Vorstellung bekommen und gelesen habe, habe ich gemerkt: Hier ist vieles sehr genau wahrgenommen und wiedergegeben worden. Ende September 2020 bin ich als neuer Superintendent für den Ev. Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg gewählt worden, habe sofort nach der Wahl Kontakt zum Interventionsteam aufgenommen und bin dem Team schon vor meinem offiziellen Amtsantritt beigetreten. Die Treffen des Interventionsteams waren zu der Zeit aufgrund der Corona-Situation leider nur digital möglich.

 

Von Anfang an habe ich dann genau die massiven Konfliktlinien erfahren, die die Studie schildert. Ich habe das erlebt, was in der Fachliteratur als ‚irritiertes System‘ beschrieben wird, hatte aber vorher überhaupt keine Vorstellung von dem Ausmaß dessen, was diese Irritation ausmacht. Ich habe ein engagiertes Interventionsteam erlebt, in dem es inhaltlich fast immer relativ schnell zu einer Verständigung gekommen ist, welche Schritte als nächste dran sind. Ich habe eine verunsicherte Gemeinde mit einem Presbyterium erlebt, das Prozesse durchgemacht hat, wie wir sie sonst aus Trauerphasen kennen: Da gab es Menschen, die sich gar nicht vorstellen konnten, dass jemand aus ihren Reihen solche Taten begangen haben konnte. Andere versuchten, so schnell wie möglich zu einer vermeintlich ‚normalen‘ Tagesordnung zurückzukehren, verbunden mit dem Hinweis, mit dem Suizid des Täters sei doch wohl alles vorbei. Wieder andere blickten kritisch, selbstkritisch zurück und fragten, wo sie eventuell Hinweise, Warnsignale übersehen, Anzeigen überhört haben, und waren bereit, dem vorgeschlagenen Weg des Interventionsteams zu folgen.

Diese diffuse Gemengelage in der Gemeinde, im Presbyterium hat uns im Interventionsteam sehr beschäftigt. Gerade die Mitglieder aus dem Presbyterium, die auch im Interventionsteam waren, sind hier in eine Position gekommen, wo sie teilweise massiv kritisiert worden sind aufgrund der oftmals schleppenden Umsetzung vor Ort, dort wiederum sind sie immer wieder als Quertreiber angegriffen worden, die die Einheit der Gemeinde und ihrer Leitung in Frage stellen. Hier wäre sicherlich ein noch deutlich runderes Bild der Konfliktlinien entstanden, wenn für die Studie auch Mitglieder des Interventionsteams aus Lüdenscheid interviewt worden wären, wozu diese sich auch durchaus bereit erklärt hatten.

 

Und gewiss hätten dann auch die in der Studie angesprochenen Schulungen treffender dargestellt werden können: Es gab durchaus sehr bald externe Schulungen, zum einen durchgeführt vom CVJM-Westbund, zum anderen durchgeführt vom Märkischen Kinderschutzzentrum. Daneben ist das Presbyterium in dieser Zeit supervisorisch begleitet worden. Gelogen worden ist hier nachweislich nicht, auch wenn viele sich vieles viel schneller und klarer erhofft hätten.

 

All das stellt aber nicht den grundlegenden Kritikpunkt der Studie infrage: Sehr schnell ist aus einer an den Bedürfnissen der von sexualisierter Gewalt Betroffenen eine innerkirchliche Selbstbeschäftigung geworden. Der Blick auf die Betroffenen, v.a. das Gespräch mit den Betroffenen ist darüber nach hinten getreten – und auch der Blick auf die Jugendlichen, die aktuell in der Jungengruppe gewesen waren und die eine andere Sommerfreizeit 2020 erlebt haben, als sie es erwartet haben, und die dann die Auflösung ihrer Gruppe erfahren haben ohne hinlängliche Kommunikation. Hier bin ich für die Hinweise dankbar, die die Studie gibt, und hoffe, dass wir als Kirche aus den Lüdenscheider Erfahrungen miteinander lernen können.

 

Dankbar bin ich auch für die klare Benennung der Studie, dass die Betroffenen nicht nur eine andere Kommunikation und Transparenz erwartet haben, sondern auch eine andere Form der Aufklärung, nämlich eine Aufklärung, in der das Interventionsteam viel aktiver auf mögliche Beteiligte zugehen sollte. Das haben wir erst sehr spät und dann auch nur ansatzweise so getan. Dieses Bedürfnis der Betroffenen – und da kann ich nur für mich sprechen – habe ich lange Zeit so deutlich nicht wahrgenommen.

 

Durch den Suizid des Beschuldigten sind die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen bekanntlich sehr bald eingestellt worden. Im Interventionsteam ist die Frage nach der weiteren Aufklärung mehrfach aufgetaucht, aber immer in dem Sinne beantwortet worden, wie es auch der 2023 veröffentliche Interventionsleitfaden der Ev. Kirche von Westfalen benennt: ‚Die Aufgabe des Interventionsteams ist es nicht, ermittelnd tätig zu werden.‘ Darum ist es lange Zeit bei Aufrufen geblieben, sich zu melden – auch mit Angabe eines externen Kontakts, beim Märkischen Kinderschutzzentrum. Erst spät sind zwei ehemalige Leiter der Gruppe aktiv befragt worden.

 

Hier – das zeigt die Studie ganz deutlich – müssen wir noch einmal genau prüfen, ob die Aufgabe von Intervention nicht doch anders gefasst werden müsste, nämlich auch als mitverantwortlich für eine Aufklärung. Diesen klaren Hinweis nehme ich gerne mit.

 

Überhaupt fordert uns die Studie nun, nachzuarbeiten und genauer hinzuschauen. Sicherlich müssen wir noch einmal einen genaueren Blick auf die Faktoren lenken, die solche Fälle sexualisierter Gewalt in unserer Kirche erst ermöglichen. Die umfangreiche ForuM-Studie zeigt hier einiges auf, was wir auf die konkrete Situation in der Gemeinde Brügge-Lösenbach noch genauer analysieren müssen, um im Sinne einer gelingenden Prävention handeln zu können.

 

Ich könnte noch vieles sagen, will mich aber auf diese wenigen grundsätzlichen Beobachtungen beschränken und mich noch einmal bei den Autorinnen und Mitarbeitern der Studie bedanken für ihre Ausarbeitung, die uns sehr kritisch auf die geleistete Arbeit blicken lässt und so hoffentlich Lernerfahrungen für zukünftiges Handeln ermöglicht.

 

Und – auch wenn das vielleicht als, ich zitiere, ‚Betroffenheitslyrik‘ abgetan werden kann: Ich möchte noch einmal sagen, wie sehr mich die schrecklichen Missbrauchstaten in unserer Kirche, in unserem Kirchenkreis, in einer unserer Gemeinden erschüttern und entsetzen. Ich kann die Betroffenen nur noch einmal um Entschuldigung bitten, dass sie solche entsetzlichen Erfahrungen in unseren Räumen machen mussten, die doch eigentlich sichere Orte des Vertrauens sein sollen. – Vielen Dank.“

 

Die Studie wurde im Rahmen unserer Erstberichterstattung - am Tag der offiziellen Vorstellung - von uns zum Download bereitgestellt. Die Studie ist selbstverständlich weiterhin zugänglich und hier zum Download zu finden: ForuM-Substudie „Aufarbeitung vor Ort“

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