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Maria stand vor dem Grab und weinte
4.4.2026

Maria stand vor dem Grab und weinte. So – liebe Leserinnen und Leser – beginnt der Ostermorgen, der erste Ostermorgen, damals in Jerusalem. Der Evangelist Johannes erzählt davon:
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“, und was er zu ihr gesagt habe. (Joh 20, 11-18)
Maria weinte und schaute in das Grab. Wie eine Erzählung aus der Vergangenheit fängt Geschichte an. Etwas, das sich früher einmal so zugetragen hat. So, wie die Ereignisse von Jesu Kreuzigung am Karfreitag und von seiner Auferstehung am Ostermorgen auch fast 2000 Jahre zurück liegen.
Aber dann – das ist eine Besonderheit des Johannesevangeliums – ändert sich die Erzählweise: Der Evangelist schreibt nicht mehr in der Vergangenheitsform, von einem vergangenen Ereignis, sondern er wechselt die Zeit. Er spricht im Präsens, in der Gegenwartsform: Maria sieht Jesus stehen. Jesus spricht zu ihr, und sie spricht zu Jesus. Und in der Gegenwartsform endet schließlich auch dieser Abschnitt: „Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen!“
Das ist auf einmal kein Geschehen vergangener Tage mehr. Das ist auf einmal ganz gegenwärtig, ganz aktuell. Ihre Verkündigung ist nicht vor langer Zeit gesagt worden und damit erledigt. Sie geht und verkündet sozusagen immer noch. So, wie Ostern immer noch aktuell ist, in unsere Gegenwart greift. Nicht ein Geschehen aus der Geschichte, sondern ein Geschehen, das uns gilt, uns hier und jetzt.
Als Maria so am Grab ist, sind es zwei Engel, denen sie begegnet. Die sie fragen: Warum weinst du? – so als ob das doch gar nicht dran sei: zu weinen. Und doch ist genau das für Maria das Richtige, das einzig Richtige: Denn so, mit ihrem Weinen, kann sie doch überhaupt erst den Schmerz aushalten. An Gräbern zu weinen, in Friedhofskapellen und an Sterbebetten zu weinen, das kennen wir doch bis heute.
Und bis heute können wir so den Schmerz ausdrücken – und vielleicht auch ein wenig besser aushalten, wenn er nicht nur in uns drinnen ist, sondern auch nach außen dringt, mit all den Tränen. Und dann wird Maria noch einmal gefragt: Warum weinst du? Tränen, Weinen – das ist eben kein Randphänomen, über das man schnell hinweggehen kann. Damals genauso wenig wie heute.
Maria meint, es sei ein Gärtner, der so fragt. Doch dieser vermeintliche Gärtner ist der auferstandene Jesus. Maria erkennt ihn allerdings nicht. Wohl schon deshalb nicht, weil wir Menschen doch immer nur das erkennen können, was wir auch erwarten, was wir auch kennen. Und das ist nicht der auferstandene Jesus. Erst als Jesus Maria bei ihrem Namen ruft – „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“, so überliefert schon der Prophet Jesaja diesen Zuspruch – erst da weiß sie, wer dort steht. Weiß, dass Jesus auferstanden ist, nicht in einem Grab geblieben, sondern lebendig.
Und so geht Maria zu den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen. Damit wird sie zur ersten Osterzeugin, die das Geschehen nicht nur sieht, sondern auch weitersagt, weiterpredigt. Den Jüngern damals, uns heute.
Schon damals haben ihre Worte viele Zweifel, viele Fragen ausgelöst, sind auf Unverständnis gestoßen, auf Unglauben. Das erzählen die Evangelisten auch. Das war damals nicht anders, als es heute ist. Denn wenn wir auf unseren Verstand hören: Das kann gar nicht sein, dass da ein Toter von den Toten aufersteht, dass da mit Tod und Sterben nicht alles aus und vorbei ist. So jedenfalls glauben es – aktuellen Umfragen zufolge – etwa zwei Drittel der Bevölkerung in unserem Land und auch immerhin noch knapp die Hälfte aller Christen bei uns. Auferstehung vom Tod – das gibt es nicht. Das ist die vorherrschende Mehrheitsmeinung. Und wie leicht denken auch wir angesichts solcher Worte: Schön, wunderschön, was Maria da erzählt, was wir hören – aber doch zu schön, um wahr zu sein.
Nur: Ostern ist eben kein Es-war-einmal-Märchen, keine fantasievolle Geschichte aus vergangener Zeit mit einem Happyend. Ostern ist mehr. Ostern ist Wirklichkeit. Heute schon. Österliches Leben beginnt auch nicht erst am St. Nimmerleinstag, beginnt nicht erst mit unserem persönlichen Sterben. Jesus ist heute da. Die Auferstehung geschieht heute. Das neue Leben wird uns heute angeboten. Heute können wir Hass und Neid und Streit begraben, können wir Schuld und Versagen hinter uns lassen, können neu anfangen, denn heute fängt die neue Wirklichkeit an. Die Wirklichkeit Gottes, dass wir erlöst sind.
Die Wirklichkeit Gottes, dass der Tod nicht mehr das letzte Wort über uns hat. Dass nicht mehr die Todesmächte und ihre Verwandten das Sagen haben. Ostern ist Wirklichkeit – für uns Wirklichkeit, wenn wir uns denn darauf einlassen. Und das schon jetzt, denn: Wer von Ostern weiß, lebt anders, lebt befreiter. Lebt – um es mit den Worten der Dichterin Marie Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht „Auferstehung“ zu sagen, vorweggenommen „in ein Haus aus Licht.
Auferstehung – kein Märchen, sondern Gottes Angebot an uns: dass wir heute schon anders leben, anders vertrauen, anders hoffen. Keine Fata Morgana, sondern mitten in unserem alltäglichen Leben und dabei doch in strahlendem österlichen Licht. Gott sei Dank! Und mit diesem Vertrauen Ihnen und Ihren Lieben ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Ihr
Christof Grote
Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg



