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Zeitumstellung bei der Turmuhr der Erlöserkirche
6.4.2026

Von Monika Salzmann
LÜDENSCHEID + Wer zum Uhrwerk im Turm der Erlöserkirche gelangen möchte, muss Kopf und Bauch einziehen. Der enge Zugang über eine niedrige, leicht gewundene steinerne Treppe erinnert an die Zeit, als der Turm – mit seiner 1000-jährigen Geschichte das älteste noch erhaltene Bauwerk Lüdenscheids und eines der bedeutendsten im Sauerland – noch Wehrturm mit Schießscharten und Rüstkammer war und Verteidiger jeden Angreifer von erhöhter Warte aus in Schach halten konnten. Von einem hölzernen Gehäuse geschützt, „schläft“ das imposante historische Uhrwerk – während der Renovierung des Turms abgestellt – derzeit einen temporären Dornröschenschlaf. Ist die Uhr in Betrieb, muss das Uhrwerk aus der Werkstatt der einst weltbekannten Turmuhrenfabrik und Glockengießerei F. C. Weule aus Bockenem im Ambergau bei Hildesheim (1836-1966) bei der Zeitumstellung von der Winter- auf die Sommerzeit und umgekehrt noch von Hand umgestellt werden.

„Ich habe eine solche Uhr schon im Museum gesehen“, sagt Kirchenführer Dieter Hymmen, der „seine“ Kirche und ihre Geschichte aus dem Effeff kennt. Seit 20 Jahren führt der 88-Jährige Besucher durch die Kirche, die das Stadtbild Lüdenscheids seit vielen Generationen prägt. Auch Dieter Hymmen, dem das Gotteshaus „sehr ans Herz gewachsen ist“, wurde in der Erlöserkirche konfirmiert. „Anderswo steht so ein Uhrwerk im Museum, bei uns ist es noch in Betrieb.“ Ein Zeitungsartikel über das Turmuhren-Museum in Bockenem, zu dessen Schwerpunkten die Darstellung der Geschichte der Firma F. C. Weule gehört, regte ihn vergangenen Oktober anlässlich der Zeitumstellung an, auf das historische Uhrwerk im Turm der Erlöserkirche hinzuweisen und zu einer Besichtigung einzuladen.

Dass das Uhrwerk derzeit abgeschaltet ist und die Kirchturmuhr im Zuge der Turmsanierung restauriert wird, macht die Besichtigung der faszinierenden Technik in gusseisernem Rahmen mit ihrem komplexen Räderwerk aus einer Vielzahl von Zahnrädern nicht weniger eindrucksvoll. Aus dem Jahr 1877 stammt das Prachtstück aus dem Hause Weule, das früher mit Hilfe schwerer Gewichte per Kurbel aufgezogen werden musste und drei Uhren – Richtung Wilhelmstraße, Altes Rathaus und Altstadt – bewegt. Die Seile der Gewichte reichen durch eine Öffnung in der Decke bis in die Glockenstube hinauf. Dieter Hymmen vergleicht das Aufziehen der Uhr mit dem Aufziehen einer Kuckucksuhr, die bekanntlich auch durch einen Kettenzug mit Gewichten, die das Uhrwerk durch Schwerkraft antreiben, aufgezogen wird. Per Hand müssen die Gewichte heutzutage allerdings nicht mehr bewegt werden. Das Kurbeln übernimmt mittlerweile ein Motor. Die Zeitumstellung erfolgt jedoch nach wie vor per Hand. Damit gehört das Uhrwerk zu den mittlerweile seltenen mechanischen Raritäten, deren Zeitumstellung noch nicht automatisch abläuft und Fingerspitzengefühl erfordert.

„Die Uhr wird angehalten und man wartet auf den vollen Schlag“, erklärt Finanzkirchmeisterin Iris Espeloer, die die Sanierung des Turms federführend begleitet. Danach könne die Uhr vorgestellt werden. So exakt wie eine Funkuhr zeigt die schöne alte Uhr die Zeit allerdings nicht an – besonders nicht im Winter. Die minimale Abweichung in den kalten Monaten reguliert sich im Sommer. Der vertraute Blick auf die Turmuhr muss derzeit allerdings warten, bis die Turmsanierung abgeschlossen ist. Wie Iris Espeloer verriet, wird auch die Uhr momentan restauriert und gründlich aufgefrischt. „Wir machen in Zusammenhang mit der Turmsanierung alle Arbeiten, die notwendig sind“, sagt sie. Dazu gehört auch die Auffrischung der Kirchturmuhr, die unter Wind und Wetter gelitten hat.



