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Gemeindetage feiern 50-jähriges Bestehen
15.5.2026

Von Bettina Görlitzer
LÜDENSCHEID + „Die gute Resonanz bei den diesjährigen Gemeindetagen zeigt, dass sie auch in Zukunft ihren Platz im Leben der Lüdenscheider Gemeinden und auch über Lüdenscheid hinaus haben werden.“ Rainer Gremmels, Sprecher der Trägerkreises der Gemeindetage unter dem Wort, freut sich, dass diese Lüdenscheider Traditionsveranstaltung auch in ihrem Jubiläumsjahr nichts an ihrer Bedeutung verloren hat. Mit zwei Jahren Verspätung – weil zwei Veranstaltungsreihen wegen der Corona-Pandemie ausgefallen sind – wurde in diesem Jahr in der Lüdenscheider Christuskirche das 50-jährige Bestehen der Gemeindetage unter dem Wort gefeiert. Anlässlich dieses besonderen Jubiläums war das diesjährige Motto der Veranstaltungsreihe „Jesus ein Leben lang“ passend gewählt und auch die Referenten spannten in gewisser Weise einen Bogen zwischen den Generationen, zwischen traditionellen und modernen Glaubenszeugnisse und zwischen den Konfessionen.
Den Auftakt macht Schwester Teresa Zukic, die nicht zum ersten Mal in Lüdenscheid uns bei den Gemeindetagen zu Gast war. Die aus dem Fernsehen und als Autorin bekannte Ordensschwester sprach über das Thema „Zurück zur ersten Liebe“. Damit bezog sie sich auf das Sendschreiben an die Gemeinde in Ephesus in Offenbarung 2. Daran verdeutlichte Zukic, dass eine Gemeinde, die ihre „erste Liebe“, also die die Liebe zu Christus, verlasse, nicht mehr die liebevolle Ausstrahlung habe, die die ersten christlichen Gemeinden hatten. Aber heutzutage mit seinem Glauben überzeugen wolle, müsste sich wieder viel mehr von der Liebe Christi bestimmen lassen, sagte sie: „Jesus hat nicht das Äußere der Menschen gesehen, sondern hat ihnen die Liebe Gottes bezeugt.“ Wie das aussehen kann, verdeutlichte sie an praktischen Lebensbeispielen.
Ähnlich argumentierte am zweiten Abend Tobias Kley. Der ehemalige Zehnkämpfer und Boxer hat seine Lebenserfüllung schließlich im Glauben gefunden. Heute ist der ausgebildete Erlebnispädagoge als Evangelist und Prediger unterwegs uns überzeugt: „Kirche ist relevanter denn je.“ Unter dem Titel „Wie erreiche ich die nächste Generation?“ sprach er darüber, dass seiner Meinung nach die christliche Botschaft nach wie vor eine große Bedeutung für viele Menschen jeden Alters habe beziehungsweise haben könnte, wenn sie sie denn überhaupt kennen würden.
Denn im Gegensatz zu früheren Generationen sei es in Deutschland längst nicht mehr üblich, dass Menschen die Bibel und die Bedeutung des christlichen Glaubens kennen, obwohl in westlichen Ländern das Denken, die Sprache der Literatur und die rechtsstaatliche Lehre über Jahrhunderte von der Bibel und dem christlichen Glauben geprägt worden seien. Dabei berief Kley sich auf einen indischen Philosophen, der analysiert habe, wie sehr der Westen über Jahrhunderte durch das Christentum geprägt wurde. Die Kirchen seien das Zentrum eines jeden Ortes gewesen, selbst wenn die Menschen nicht gläubig gewesen seien. Inzwischen habe sich schlicht „alles“ verändert. Denn die Menschen bewegten sich nicht mehr in den Sphären, in denen sie Gott begegneten, beispielsweise in der Natur.
Aber dennoch stellten sich viele nach wie vor den großen Sinnfragen des Lebens – und suchten die Antworten darauf, wie heutzutage üblich, meist im Internet. Dort seien die Christen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. „Es geht nicht, um eine besonders schöne Internetseite“, betonte Kley. Wichtiger sei viel mehr, dass die Menschen Antworten auf ihre Fragen bekommen. Dabei hätten Christen viel zu bieten. Ich glaube die Kirche vor Ort ist für die Menschen relevanter denn je. Wir müssen sie nur dort abholen, wo sie suchen.“ Das seien eben nicht mehr Kirchengebäude und Gemeinderäume. Deshalb engagiere er sich selbst für eine „Digitale Reformation“, die mit der Internetseite creedle.io angestoßen werden soll. Ziel sei es, „Jesus für die Menschen sichtbar zu machen.“ Kley machte seinen Zuhörern, die aus verschiedenen christlichen Gemeinden kamen, Mut, aus ihrer „Komfortzone Kirche“ herauszutreten, um die Menschen mit „der besten Botschaft der Welt“ zu erreichen. Er nahm sich Jesus als Vorbild, der genau das getan habe: Aus seiner Komfortzone als Gottes Sohn herauszutreten und ein menschliches Leben geführt habe, mit allem Schmerz und Leid.
Der dritte Abend stand unter der Überschrift „Stabiler Glaube in turbulenten Zeiten?“. Diese Frage beantwortete der bekannte Theologe, Prediger und Autor Ulrich Parzany, der unter anderem von 1984 bis 2005 Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland bis 2023 Leiter des evangelistischen Vereins ProChrist war. Er bezog sich in seinen Ausführungen auf Kolossser 2,7: „Seid in ihm gegründet und fest im Glauben.“ Parzany betonte, dass es ein Grund zur Freude sei, dass es einen festen Glauben gebe. Den gebe es aber nur, wenn die Menschen von sich selbst weg auf Christus schauten. Gleichzeitig werde dieser Glaube immer wieder in Frage gestellt. Aber er gründe nicht auf einem Gefühl, wie es der Theologe Schleiermacher gelehrt habe, sondern auf den „Tatsachen des Glaubens“ wie Kreuz und Auferstehung. Deswegen sei es wichtig, sich diese Tatsachen des Glaubens immer wieder durch Bibellese in Erinnerung zu rufen und darauf seinen Glauben zu gründen, forderte Parzany.
Musikalisch gestaltet wurden die drei Abendveranstaltungen in diesem Jahr vom Gospelchor „The Albert Singers“, der Band der Kreuzkirche und „Voices for Christ“. Am Eröffnungsabend stand außerdem ein Rückblick auf die 50-jährige Geschichte der Gemeindetage im Mittelpunkt. Dazu interviewte Pfarrer Rainer Gremmels, der heutige Vorsitzende des Trägervereins, Pfarrerin i.R. Bärbel Wilde, die von Anfang an mit dabei war und die Gemeindetage jahrzehntelang organisatorisch prägte, unterstützt unter anderem von der inzwischen verstorbenen Monika Deitenbeck-Goseberg, die damit in die Fußstapfen ihres Vaters getreten war. Ein allererster „Gemeindetag unter dem Wort“ hatte in Lüdenscheid allerdings bereits im Juli 1934 in der Schützenhalle stattgefunden, auf Einladung der Bekenntnissynode des Kirchenkreises Lüdenscheid, die sich als Teil der Bekennenden Kirche gegen das NS-Regime positionierte.
Seit 1974 wurden Gemeindetage unter dem Wort dann in der Lüdenscheider Christuskirche veranstaltet, zunächst alle zwei Jahre im Wechsel mit bundesweiten Gemeindetagen, die es seit 1973 gab. Ab 1978 wurde jährlich in die Christuskirche eingeladen. Bundesweite Gemeindetage gibt es schon seit 1994 nicht mehr. In Lüdenscheid wurde dagegen 1998 ein Trägerverein gegründet, der die Zukunft der Veranstaltungsreihe sichern sollte und inzwischen die Organisation übernommen hat.
Viele bekannte Theologen und Menschen, die sich dem christlichen Glauben verbunden fühlen, haben im Lauf der Jahrzehnte bei den Gemeindetagen gepredigt oder ihre Lebensgeschichte erzählt. Einer der prominentesten Redner in der Geschichte der Gemeindetage ist der Journalist und Theologe Peter Hahne, der ab 1978 über mehr als 30 Jahre fast jedes Jahr dabei war.
Auch wenn sich die Abläufe verändert haben – so wird inzwischen auf die Grußworte verzichtet – bleibt neben dem jeweiligen Vortrag die Musik ein wichtiger Bestandteil der Abende. Einige Termine wurden auch komplett als Konzertabend gestaltet oder mit Theateraufführungen. Inzwischen finden die Gemeindetage nur noch an drei Abenden statt, weil die Veranstalter festgestellt haben, dass es schwierig geworden ist, die Zuhörer an vier aufeinanderfolgenden Abenden zu binden.
Der Trägerverein zieht im Jubiläumsjahr ein positives Fazit und blickt dankbar auf die 50 Jahre zurück, in denen Menschen „Schwarzbrot des Glaubens“ erfahren haben, wie es der Begründer der Gemeindetage, der Lüdenscheider Theologe Paul Deitenbeck, nannte. Viele seien in all diesen Jahren durch die Abende in der Christuskirche im Glauben gestärkt worden oder auch erst zum Glauben gekommen, betonte der heutige Vorsitzende des Trägervereins Rainer Gremmels. „Wir sind dankbar für alle Unterstützung, alle Mitarbeit, auch für alle Spenden, die es möglich gemacht haben, dass die Gemeindetage so viele Jahre lang durchgeführt werden konnten. Die gute Resonanz bei den diesjährigen Gemeindetagen zeigt, dass sie auch in Zukunft ihren Platz im Leben der Lüdenscheider Gemeinden und auch über Lüdenscheid hinaus haben werden“, ist Gremmels überzeugt.



