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Die Geschichte von Luise Prinz
22.5.2026

Liebe Leserin, lieber Leser,
mit dem Pfingstfest tun wir uns häufig schwer: Diese Tage sind eine schöne Auszeit im Frühsommer; das genießen alle und nutzen die Tage für Kurzurlaube, Familienfeiern, Festivals, Stadtfeste, Ausflüge in der Natur... Aber Pfingsten als eines der drei großen christlichen Hauptfeste? Hier können die wenigsten Auskunft geben, was wir an diesen Tagen überhaupt feiern.
Das ist bei den anderen großen Feiertagen anders. Weihnachten: Da liegt ein Kind in der Krippe, das können wir sehen, da können wir staunen und uns freuen – und das können übrigens auch Menschen gut nachvollziehen, die sonst gar nicht viel mit dem christlichen Glauben verbinden. Ostern: Es gibt ein leeres Grab und die verschiedenen Schilderungen von Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus. Da wissen wir zumindest, warum es dieses Fest gibt, auch wenn uns der Glaube an das Ostergeschehen im Angesicht des Todes auch mitunter schwerfallen mag.
Aber Pfingsten? Da gibt es nichts zu sehen, bloß eine jubelnde Menge in Jerusalem vor rund 2000 Jahren, von der in der Bibel erzählt wird, schon damals sofort mit dem Verdacht, sie seien wohl alle betrunken. Und diese Sicht auf die Ereignisse wird bis heute immer wieder vorgebracht: Alkoholrausch, Drogenrausch, Massenhysterie… Und wenn dann die Sprache auf den Heiligen Geist kommt, wird es mit dem Verstehen kaum leichter: Da fallen vielen Menschen Horrorfilme mit gruseligen Geistergestalten ein, Kinder denken vielleicht noch an irgendwelche harmloseren Gespenstergeschichten. Aber ein unsichtbarer Geist, der dann noch Gutes will – das sei doch wohl Quatsch, das gibt es doch gar nicht, wird da entgegnet. Mit Pfingsten tun sich viele Menschen schwer – und so manches Mal wohl auch wir selbst.
Das geht Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht anders: Wenn ich im kirchlichen Unterricht beim Pfingstfest angelangt bin, ist mir die ganze Bandbreite der Einwände und zweifelnden Fragen begegnet – und es ist ja auch nicht einfach zu erklären, geschweige denn zu verstehen. Ich habe den Jugendlichen dann keinen theologischen Vortrag gehalten – ohnehin fragwürdig, was von solchen Monologen hängenbleibt, habe ihnen auch keine Arbeitsblätter zur biblischen Pfingsterzählung vorgelegt, sondern ich habe ihnen erzählt – von Luise Prinz (Name geändert). Und das möchte ich auch heute tun, Ihnen von Luise Prinz erzählen:
Luise Prinz ist eine Frau mittleren Alters, die auf den ersten Blick unauffällig und dabei irgendwie völlig „normal“ wirkt. Sie ist in der Finanzabteilung eines eher kleineren Unternehmens beschäftigt und gilt als absolut versierte und zuverlässige Mitarbeiterin, von den Vorgesetzen sehr geschätzt, bei den Kolleginnen und Kollegen äußerst beliebt. Das hängt aber nicht nur an ihrer Arbeitsweise, sondern noch an etwas Zweitem: Sie ist nämlich so etwas wie „der gute Geist“ der Firma:
Wenn jemand Geburtstag hat – Luise Prinz weiß es und besorgt die Karte, auf der alle aus der Belegschaft unterschreiben. Wenn einer länger krank ist – sie kriegt es mit und schickt Genesungsgrüße. Bei schweren Schicksalsschlägen oder auch Todesfällen in der Familie – Luise Prinz findet die richtigen Worte und manchmal auch das richtige Schweigen mit einer Umarmung. Zu besonderen Ereignissen bringt sie einen Kuchen mit, in der Regel selbstgebacken, und gewissermaßen selbstverständlich organisiert sie auch die Geschenke zu besonderen Anlässen wie z.B. der Geburt eines Kindes, der Konfirmation oder der Verabschiedung in den Ruhestand. Das macht sie übrigens bei der Reinigungskraft wie bei der Chefsekretärin, bei der Abteilungsleiterin wie beim Pförtner, da kennt sie keine Unterschiede. Und das schätzen und brauchen ja auch alle in gleicher Weise, egal, welche Aufgabe sie im Betrieb haben.
Konfirmandinnen und Konfirmanden hören bei dieser Erzählung in der Regel genau zu – und vor allem sind sie fasziniert davon, dass es so jemanden wie Luise Prinz in der Firma gibt. Sie können gut beschreiben, was fehlen würde, wenn sie nicht da wäre, sich nicht so einsetzen würde. Wie ein „guter Geist“ eben.
Der nächste Gesprächsgang mit den Jugendlichen ist eigentlich naheliegend: Könnt ihr euch vorstellen, wo ihr euch über solch einen „guten Geist“ freuen würdet, in der Schule, in der Familie, im Verein oder wo auch immer? – Und das können junge Menschen: sich ausmalen, wie das mit so jemandem an ihrer Seite für sie aussehen würde. Manche Situation haben sie im Laufe der Jahre geschildert, die mich sehr bewegt hat, sei es, weil sie genau solchen Beistand gebraucht, aber vermisst haben oder weil sie so ein Mitsein wohltuend erfahren haben.
Dann frage ich weiter: Könntet ihr euch auch vorstellen, selber so für andere dazusein, sie im Blick zu behalten? – Was habe ich denn davon? Was bringt mir das? Das sind einige ehrliche Antworten darauf – und ein guter Anknüpfungspunkt für den weiteren Austausch: Sich für andere einzusetzen, ihnen beizustehen, macht nicht nur die Gemeinschaft, die Gesellschaft insgesamt lebenswerter, es bringt auch Sinn und Erfüllung in das eigene Leben. Andere – leider etwas klischeehaft, aber trotzdem wahr – und zwar in der Regel Mädchen sind hier schneller mit einem klaren „ja“ dabei: so würden wir auch gerne sein. Aber geht das denn? Werden wir da nicht ausgelacht, machen wir uns damit nicht zu Außenseiterinnen? – Da gucken bestimmt einige zunächst komisch und finden es seltsam, aber das kann doch nicht dazu führen, dass wir uns nicht einbringen, dass wir unsere Mitmenschen aus dem Blick verlieren. Gleichgültigkeit und Egozentrik müssen nicht ansteckend sein, Hilfsbereitschaft und Fürsorge aber durchaus.
Schließlich habe ich den Konfirmandinnen und Konfirmanden von Pfingsten erzählt: von der Hoffnungslosigkeit und Angst der Jüngerinnen und Jünger Jesu nach seiner Kreuzigung, von ihrem nachösterlichen Gefühl, wieder verlassen zu sein, ist ihnen der Auferstandene seit seiner Himmelfahrt doch nicht mehr begegnet. Und dann vom Pfingstfest in Jerusalem: Gottes großes Versprechen an uns, dass er mit seinem guten Geist uns in allem, was uns widerfährt, an Gutem wie an Schwerem, zur Seite steht. Dass er für uns da ist und uns auf unserem Weg durch das Leben begleitet. Welch eine tolle Zusage! Welch ein toller Heiliger Geist!
Mit dieser Verheißung Gottes wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein frohes und gesegnetes Pfingstfest – und wenn Sie ihr begegnen: Bitte grüßen Sie Luise Prinz von Herzen!

Ihr
Christof Grote
Superintendent des
Evangelischen Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg



