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Westfälische Präses im Dialog mit Schülerinnen und Schülern
17.7.2026

Von Iris Kannenberg
MEINERZHAGEN + Die Frage nach Wehrdienst und persönlicher Verantwortung bewegt derzeit viele junge Menschen. Sie stand im Mittelpunkt eines intensiven Austauschs am Evangelischen Gymnasium Meinerzhagen. Dort traf die westfälische Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder auf Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12, um über ein Thema zu sprechen, das in Politik und Gesellschaft insgesamt kontrovers diskutiert wird.
Die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen nahm sich bewusst Zeit für ein Gespräch mit den Jugendlichen und begegnete ihnen dabei zugewandt und sensibel. Ziel war ein offener Dialog, in dem unterschiedliche Perspektiven ihren Platz hatten. Entsprechend lebhaft entwickelte sich die Diskussion, in die sich die Schüler engagiert einbrachten und ihre jeweiligen Sichtweisen formulierten.
Schnell zeigte sich: Ein einheitliches Meinungsbild existiert nicht. Während einige Jugendliche die Bedeutung der Landesverteidigung betonten, äußerten andere deutliche Zweifel an einer möglichen Verpflichtung zum Wehrdienst. Die jeweiligen Haltungen zu Verantwortung und Freiheit gegenüber dem Staat hätten teilweise nicht unterschiedlicher sein können. So machten einzelne Schülerinnen und Schüler darauf aufmerksam, dass die Sicherung von Demokratie und Frieden erst einmal Verteidigungsfähigkeit voraussetze. Was die Investition in moderne Waffensysteme erfordere. Angesprochen wurden insbesondere Drohnen. „Unser Land bleibt nur eine Demokratie, wenn wir es auch verteidigen können“, wurde aus der Schülerschaft heraus argumentiert. Und dazu reiche eine konventionell bewaffnete Armee einfach nicht mehr aus.
Andere Stimmen stellten hingegen die Gewissensfreiheit in den Mittelpunkt. Die Würde des Menschen müsse oberste Priorität behalten, weshalb ein Zwang zum Wehrdienst kritisch gesehen werde. Auch die Sorge, persönliche Freiheit und Selbstbestimmung könnten eingeschränkt werden, spielte in den Beiträgen eine wichtige Rolle. Zudem äußerten einige Schüler Skepsis gegenüber der Darstellung militärischer Laufbahnen. Die Werbung der Bundeswehr werde teilweise als zu positiv wahrgenommen und könne ein verzerrtes Bild vermitteln, hieß es aus der Runde.
Präses Dr. Ruck-Schröder moderierte die Diskussion ruhig und aufmerksam. Immer wieder griff sie einzelne Argumente auf, stellte Rückfragen und ermutigte die Jugendlichen, ihre Gedanken weiter auszuführen. Ihr Ansatz zielte darauf ab, keine fertigen Antworten vorzugeben, sondern die Schülerinnen und Schüler in ihrer eigenen Meinungsbildung zu stärken.
Der Austausch fand vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen statt. Seit Beginn des Jahres 2026 gilt in Deutschland ein neues Wehrdienstmodell: Alle 18-Jährigen erhalten einen Fragebogen zur Erfassung ihrer Bereitschaft für den Dienst, für junge Männer ist die Teilnahme verpflichtend, für Frauen freiwillig. Zudem ist für bestimmte Jahrgänge eine Musterung vorgesehen.
Diese Veränderungen betreffen die Jugendlichen unmittelbar – viele von ihnen stehen kurz davor, selbst entsprechende Post zu erhalten. Umso größer war das Interesse, sich frühzeitig mit den ethischen, politischen und persönlichen Fragen auseinanderzusetzen. Der Besuch der Präses verdeutlichte zugleich die Rolle von Schule als Ort des Dialogs. Das Evangelische Gymnasium Meinerzhagen bot mit der Veranstaltung einen Raum, in dem aktuelle gesellschaftliche Fragen offen und respektvoll verhandelt werden konnten. Gerade im Kontext der evangelischen Bildungsarbeit kommt der Auseinandersetzung mit Fragen von Frieden, Verantwortung und Gewissen eine besondere Bedeutung zu. Der Austausch zeigte einmal mehr, dass junge Menschen bereit sind, sich differenziert mit komplexen Themen auseinanderzusetzen – auch dann, wenn es keine einfachen Antworten gibt.
Das Treffen zeigte: Die Debatte um Wehrdienst und gesellschaftliche Verantwortung ist längst in den Klassenzimmern angekommen. Die anwesenden Jugendlichen brachten ihre Meinungen dazu reflektiert und engagiert ein und machten sehr deutlich, dass sie sich als wichtigen Teil der öffentlichen Diskussion verstehen.
Die Präses war beeindruckt und drückte dies auch aus. Nach ihrer persönlichen Meinung gefragt, fasste sie den Vormittag zusammen: „Alles in allem war das eine ganz kostbare Zeit. Weil hier differenziert argumentiert wurde. Die Angst der Schüler vor einer Situation im Verteidigungsfall war spürbar und nachvollziehbar. Das beschäftigt sie, weil es sie auch am direktesten betrifft. Und ja, es gab auch konsequente Ablehnung gegen die Wehpflicht. Gleichzeitig wurde die Verantwortung diskutiert, in der sie stehen, Freiheit und Demokratie zu verteidigen. Die jungen Menschen sehen das sehr klar. Ich war begeistert darüber, wie sie sich gegenseitig zugehört und ihre verschiedenen Sichtweisen formuliert haben. Da waren junge Männer, die sich bereit und willens fühlten, ihr Land zu verteidigen. Und andere, die der Meinung waren, die ganze Sicherheitslogik, mit konventionellen Waffen sein Land verteidigen zu müssen, sei problematisch und wenig stimmig. Auch das hatte hier seinen Platz. Einige wenige argumentiert für eine völlige Ablehnung von Waffengewalt. Viele haben spürbare Angst vor Krieg. Sie können es bereits gut einordnen, was ein Verteidigungsfall für ihr Leben bedeuten würde, denn sie haben alle ihre individuelle Lebensplanung. Das hier ist eine Generation, die sich erst mit diesem bedrohlichen Gedanken auseinandersetzen muss. Einfach weil sie sorglos aufwachsen durften. So ist dies vielleicht sogar das wichtigste Fazit aus dem heutigen Gespräch: Sie werden ganz selbstverständlich in die Pflicht genommen. Unvorbereitet. Und sie merken jetzt, dass die Welt sich verändert. Sie müssen Position beziehen. Dazu waren sie heute mehr als bereit. Manche mit dem Vermerk, dass sie sich nicht zwingen lassen, etwas gegen ihr Gewissen zu tun. Gerade für diese Generation ist Freiwilligkeit wesentlich. Daher ist es wichtig, dass wir sie als Erwachsene mitnehmen und dass ihre Stimme gehört wird. Genau das nehme ich heute hier mit. Wir dürfen sie nicht allein lassen in einer komplizierten Situation und in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint. Meine Stimme und meinen Respekt haben sie. Ungeteilt.“
Für Präses Dr. Adelheid Ruck-Schröder war der Besuch am Meinerzhagener Gymnasium von daher vor allem eines: ein Gespräch auf Augenhöhe, das jetzt erst beginnt. Ein Austausch, der nicht nur Positionen sichtbar machte, sondern auch dazu beitrug, das gegenseitige Verständnis zu fördern – und junge Menschen in ihrer kommenden Rolle als verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen, zu unterstützen und zu stärken.
Auch wenn die Meinungen stark auseinander gehen und nicht immer konform gehen zu den Wünschen einer Gesellschaft, die insgesamt überfordert zu sein scheint. Hier sind wir als Kirchen gefragt, für die jungen Menschen dazu sein, als Ansprechpartner, Unterstützer, Ermutiger und als Tröster. Wir haben Antworten. Und ein einzigartiges „Alleinstellungsmerkmal“: Nämlich einen Gott, der unsere Perspektiven weit über das erweitert, was im Sichtbaren gerade passiert. Und für uns alle das ist, was er immer war und immer sein wird. Eine zuverlässige Zuflucht und eine sichere Burg in unsicheren Zeiten. Und das besonders für seine Kinder und Jugendlichen.



