Aktuelle Artikel
Nicht mehr fremd
19.7.2026

Studien haben gezeigt, dass wir erstaunlich schnell ein Urteil über einen anderen Menschen fällen. Es heißt, dass wir innerhalb von Millisekunden entscheiden, ob wir jemanden sympathisch, kompetent und vertrauenswürdig erleben oder das Gegenteil empfinden. Und innerhalb von 90 Sekunden machen wir uns sogar ein konkretes Bild von diesem Menschen. Wie schnell stecken wir dabei Menschen in Schubläden: fremd oder vertraut, arm oder reich, jung oder alt, einheimisch oder zugezogen. Wir machen Unterschiede – oft ganz unbewusst.
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2,19)
Der Epheserbrief setzt dem eine erstaunliche Botschaft entgegen. Vor Gott gibt es keine Menschen erster und zweiter Klasse. Niemand muss sich seine Zugehörigkeit verdienen. Alle sind eingeladen, zu Gottes Hausgemeinschaft zu gehören - unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion oder Lebensgeschichte. Nicht Leistung oder Abstammung zählen, sondern allein Gottes Gnade.
Das fordert uns heraus. Wie begegnen wir den Menschen, die uns fremd erscheinen? Sehen wir zuerst Unterschiede – oder den Menschen? Schaffen wir Räume, in denen andere sich willkommen fühlen oder ziehen wir Grenzen? Es lohnt sich, den ersten Eindruck wahrzunehmen, ihn aber nicht mit der ganzen Wahrheit über einen Menschen zu verwechseln.
Wer selbst erfahren hat, bei Gott ein Zuhause gefunden zu haben, kann anderen mit offenen Augen und offenem Herzen begegnen. Gottes Haus hat eine weit geöffnete Tür. Vielleicht beginnt der Frieden, den Christus schenkt, genau dort: bei unserem nächsten Wort, unserer nächsten Begegnung, unserem nächsten Schritt auf einen anderen Menschen zu.

Christina Rosemann
ist Prädikantin in der
Evangelischen Kirchengemeinde Oberrahmede.



