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„Der Tod ist ein traurig-schönes Erlebnis“

16.10.2020

Ute Gall (links) hatte 2001 die Idee, das Care-Haus zu errichten. Stefanie Werner (mitte) ist die erste Studentin in der ambulanten Hospiz-Einrichtung, und Christine Hüsken leitet dort den "Letzte Hilfe-Kurs" (Foto: Laudien)
Ute Gall (links) hatte 2001 die Idee, das Care-Haus zu errichten. Stefanie Werner (mitte) ist die erste Studentin in der ambulanten Hospiz-Einrichtung, und Christine Hüsken leitet dort den "Letzte Hilfe-Kurs" (Foto: Laudien)

Von Frank Laudien

 

LÜDENSCHEID + „Der Tod ist ein traurig-schönes Erlebnis“. Ute Gall weiß, wovon sie spricht. Die Leiterin des „Arche Care Haus“ in Gevelndorf hat schon viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet. An dessen Ende bleibt nicht nur Trauer. Auch die Freude und Erleichterung darüber, das Ziel erreicht zu haben, ist ein Teil des Abschieds.

 

Ute Gall und ihr Team von der Arche bieten eine ambulante Hospizarbeit an. Sie stehen den Betroffenen und ihren Angehörigen zur Seite. Zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen. Wenn es sein muss rund um die Uhr. Jeden Tag. „Wir bieten eine psychosoziale Begleitung an und sind kein Betreuungsdienst“, unterstreicht Sozialpädagogin Stefanie Werner, die gerade ihr Studium mit der Bachelorarbeit in der Arche abschließt. Die Hospizarbeit sei eins der wichtigen Rädchen im Versorgungssystem, sagt sie und nennt Zahlen: „Wir sind zuständig für Lüdenscheid, Neuenrade, Nachrodt-Wiblingwerde, Werdohl, Altena, Halver und Schalksmühle. Dort sind im vergangenen Jahr 2065 Personen gestorben. 95 davon haben wir abschließend begleitet“.

Das war 2019. In diesem Jahr aber ist alles anders. „Als Corona kam, ging hier gar nichts mehr“, klagt Ute Gall. Der Gesetzgeber habe zwar mitgeteilt, dass die palliative Betreuung weitergehen muss, doch „uns fehlte einfach der Zugang zu den Hilfsbedürftigen“. Die Pflegeheime ließen keine Besuche mehr zu, und auch in den Privathaushalten schottete man sich ab.

„Wir haben fast zwei Monate lang nur Überstunden abgebaut“, macht Gall die Ausnahmesituation deutlich. „Wir fühlten uns so hilflos und waren einfach sprachlos“. Sie weiß, was in dieser Zeit hinter verschlossen Türen passierte: „Die Betroffenen haben gelitten, waren überfordert, einsam und ängstlich“. Es sei tragisch gewesen für die Menschen, die in dieser Zeit einsam gewesen sind und einsam sterben mussten. „Es ist verständlich, dass es so gehandhabt werden musste“, lenkt Ute Gall ein. „Die Auswirkungen bekommen wir erst nächstes Jahr zu spüren“. Dann müsse mit den Angehörigen vieles aufgearbeitet werden.

 

Am schlimmsten betroffen seien die älteren Menschen gewesen, die in einer Einrichtung in ihrem Zimmer isoliert werden mussten. „Die hatten keinen Kontakt. Zu niemandem. Das ist auch für die Angehörigen hart gewesen, die wussten, dass ihre Mutter oder ihr Vater sterben wird und niemand darf anwesend sein“.

 

Auch die Arche traf der Lockdown hart. Die Mitarbeiter arbeiten auf freiwilliger Basis, und der Verein ist auf Spenden angewiesen. Mit Besuchen bei der Frauenhilfe, im Sozialausschuss oder anderen Veranstaltungen wird auf die Arbeit der Arche hingewiesen. Doch alle Events wurden gestrichen. Die Spenden bleiben noch heute größtenteils aus.

 

Ein weiteres Problem entsteht bei der Ausbildung der Mitarbeiter: „Unsere ehrenamtlichen Helfer bekommen eine zehnmonatige Ausbildung, damit sie eine qualifizierte Sterbebegleitung anbieten können“, erklärt Koordinatorin Christine Hüsken. „Elf Personen, die gerade mit der Ausbildung anfingen, mussten wir mit eintreten der Coronamaßnahmen wieder nach Hause schicken“. Auf diese elf Helfer ist man dringend angewiesen, weil alleine in diesem Jahr fünf Mitarbeiter die Arche wieder verlassen.

Doch nicht nur Finanzen und Mitarbeiter fehlen in der Krisenzeit. Hüsken: „Es sind die ganzen Rituale und Verabschiedungen, die nicht stattfinden durften. Nicht einmal auf der Beerdigung durfte jemand in den Arm genommen werden“. Sie selbst musste unter den gravierenden Einschränkungen leiden, als ihre eigene Mutter starb. „Ich habe gekämpft, um bei ihr sein zu können“. Den Kampf konnte sie letztendlich gewinnen.

Für die Menschen da zu sein, die nicht mehr lange zu leben haben, ist für das Arche-Team ebenso wichtig, wie die Betreuung der Angehörigen. „Viele wissen gar nicht, was es für ein palliatives Netzwerk gibt“, mutmaßt Christine Hüsken. Patientenverfügung, Vollmacht, Essen, Hygiene, Erbschaft oder das Ausrichten der Bestattung sind Themen, über die sich die meisten Betroffenen erst spät Gedanken machen. Meistens zu spät. Hilfe bei all diesen Fragen gibt es natürlich im Arche Care Haus. Die Fachfrau empfiehlt jedoch, sich schon frühzeitig damit auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck bietet sie auch den „Letzte-Hilfe-Kurs“ an. Seit drei Jahren findet dieser vierstündige Lehrgang regelmäßig statt.

 

 

Für andere in schweren Stunden da zu sein, ist für das 14-köpfige Mitarbeiter-Team selbstverständlich. Doch auch die Fachleute sind nur Menschen. Schon oft wurde Ute Gall gefragt, warum sie bei ihrem Job immer noch so fröhlich sein kann. „Durch diese Arbeit lerne ich, das Leben mehr zu schätzen“, antwortet sie dann gerne, und Christine Hüsken stimmt ihr zu: „Störende Kleinigkeiten empfindet man als nicht mehr so wichtig. Man lernt, das Positive im Leben zu sehen“.

 

Das funktioniert aber auch nicht immer. Die Care Haus-Leiterin kümmert sich oft um die schwierigen Fälle, die nicht von den ehrenamtlichen Mitarbeitern übernommen werden können oder wollen. Besonders wenn junge Menschen sterben, geht das auch einer Fachfrau sehr nah, die täglich damit konfrontiert wird. Dann kann sie ihre „Arbeit“ nicht so einfach hinter sich lassen. „Wenn ich mal meine Arbeit mit nach Hause nehme, ist schon etwas Gravierendes passiert. Dann brauche ich auch ein bis zwei Tage Pause, um abzuschalten“.

 

Die Fragen, ob sie selbst Angst vor dem Tod haben und ob sie glauben, dass es danach irgendwie weitergeht, beantworten die gläubigen Hospizmitarbeiterinnen einstimmig mit ja. „Ich habe schon oft beobachten können, dass in der Sterbephase etwas passiert. Diese Menschen erleben eine Art Horizonterweiterung“, ist sich Ute Gall sicher. Im Moment des Sterbens werde so etwas wie die Seele frei. „Nach dem, was ich alles erlebt habe, kann ich nicht mehr sagen, dass es so etwas nicht gibt“.

So vergleicht das Arche-Team das Sterben auch gerne mit der Geburt. Nur bekommt man dabei kein Leben, sondern gibt eins zurück. Dabei entsteht mehr als nur Trauer. Der Tod ist eben ein traurig-schönes Erlebnis.

Erreichbar ist das Care-Haus an der Karlshöhe 6a in Lüdenscheid unter der Rufnummer 02351 66 313 – 0.

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