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Die Zukunft liegt hinter uns

9.1.2022

Das Wort zum Sonntag heute mit Gedanken von Volker Bäumer, Pfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg. (Grafik EKKLP)
Das Wort zum Sonntag heute mit Gedanken von Volker Bäumer, Pfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg. (Grafik EKKLP)

Kein Jahr vergeht, kein neues beginnt, ohne dass wir mit lauter Prognosen überschüttet werden. Kübelweise. Von A wie Altersarmut bis Z wie Zentralbank und Zinsen. Nur: "Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen", fand schon der dänische Atomphysiker Niels Bohr in einer Diskussion mit Albert Einstein im Jahre 1923. Christenmenschen orientieren sich anders. Sie nehmen Prognosen zur Kenntnis, leben aber mehr nach Art einer Regnose. Was das bedeutet, Rahel Varnhagen hat es in die Worte gefasst: "Die Zukunft kommt uns nicht entgegen, sie liegt nicht vor uns, sondern sie strömt von hinten über unser Haupt."

 

Nichts anderes, glaube ich, scheint uns auch der „Engel der Geschichte“ sagen zu wollen. Ich denke hier an das Bild von Paul Klee in der Auslegung von Walter Benjamin, an den Angelus Novus. Der Engel der Geschichte sieht aus, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Was wir Fortschritt nennen, so Benjamin, das ist dieser Sturm! Regnose!

 

Einer meiner theologischen Lehrer hielt dasselbe im Bild eines Ruderers fest. Eines Ruderers, der auf den Wassern des Lebens, auf dem Strom der Zeit unterwegs ist, immer mit dem Rücken zum Ziel. Wie und woher kann er sicher sein, sein Ziel zu erreichen? Nicht anders, als dass er zurückblickt! Zurück auf einen festen Richtpunkt. Zurück auf einen festen Orientierungspunkt, der ihn, mit dem Rücken zum Ziel, sicher ans Ziel bringt. Nicht an irgendein Ende, sondern ans Ziel!


Glücklich, wer den Richtpunkt seiner Lebensfahrt in dem Leuchtturm unseres Gottes entdeckt hat, in Krippe und Kreuz seines eingeborenen Sohnes. Glücklich, wer den Orientierungspunkt seines Lebens ausrichtet an dem, der sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“. Er wird die Toten erwecken und das Zerschlagene neu zusammenfügen. Und er hat den vom Paradies her wehenden Sturm gestillt, so dermaßen, dass wir in aller Ruhe unsere Flügel wieder ganz neu entfalten können!

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

 

Pfarrer Volker Bäumer, Evangelischer Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg

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