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Blick ins Katholische

17.6.2022

Pastor Johannes Broxtermann berichtete im Rahmen des Jubiläums „950 Jahre Erlöserkirche“ über Entwicklungen der Kirche aus katholischer Perspektive. (Foto: Ingrid Weiland)
Pastor Johannes Broxtermann berichtete im Rahmen des Jubiläums „950 Jahre Erlöserkirche“ über Entwicklungen der Kirche aus katholischer Perspektive. (Foto: Ingrid Weiland)

LÜDENSCHEID + Zahlreiche Interessierte – Mitglieder der verschiedenen evangelischen und katholischen Gemeinden der Stadt – waren am Montag in die Erlöserkirche gekommen, um sich den Vortrag anzuhören, den Pastor Johannes Broxtermann im Rahmen des 950-jährigen Bestehens des ältesten Lüdenscheider Gotteshauses zum Thema „Seitenblicke ins Katholische – Neue Erfahrungen mit der Kirche“ hielt.

 

Der frühere Kreisdechant des Dekanats Altena-Lüdenscheid, der immer noch Aufgaben in Lüdenscheid und Altena wahrnimmt und sich zudem um eritreische Flüchtlinge kümmert, und alle Gäste wurden von Gemeindepfarrer Holger Reinhardt herzlich begrüßt. Er erinnerte daran, dass dieses über 500 Jahre katholisch war. Schutzpatron war der Heilige Medardus, dessen Bild heute noch das Wappen der Stadt Lüdenscheid ziert. Die Reformation – das betonte auch Broxtermann – fand erst 1578 unter Pfarrer Johannes Rosenkranz statt. Es war ein harmonischer Prozess, weil die geistliche und die kommunale Obrigkeit sowie auch die Bürger sich geschlossen dem neuen Bekenntnis anschlossen. Katholiken tauchten erst im 19. Jahrhundert wieder auf. Mit der 1891 errichteten katholischen Kirche gab es wieder ein dem Heiligen Medardus geweihtes Gotteshaus in Lüdenscheid.

 

Lange Zeit kamen die Kirchen – so Broxtermann – schlecht miteinander zurecht. Das Kirchenmonopol der Katholiken war zerbrochen. Eine Ökumene gab es noch nicht. Die Kindheitserinnerungen des Referenten (Jahrgang 1949), die vor rund 70 Jahren im Ruhrgebiet geprägt wurden, bestanden darin, „dass alles katholisch und die evangelische Kirche ihm fremd war“. Das änderte sich erst in den sechziger Jahren, als die klassische Erfahrung mit der Kirche, die er als „eine heute versunkene Welt“ bezeichnete, von der „Kirche als Volk Gottes“ unter Papst Johannes XXIII. abgelöst wurde. Den „Hauch des Frühlings“, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil vor mehr als 55 Jahren ausging, spüre er – wie er erklärt – noch heute. Auf einmal gab es eine nie vorher gekannte Lebendigkeit der Gemeinde.

 

Doch es kam wieder zur Krise: Die katholischen und auch die evangelischen Kirchen leerten sich, und viele wurden geschlossen. Erschwerend kam die Pandemie hinzu. Als Hintergründe für den Niedergang gab Broxtermann die Individualisierung der Menschen im Westen an, die Emanzipation von religiösen Bindungen. „Glaube“ – so hieß es in seinem Vortrag – „ist inzwischen weitgehend alles andere als selbstverständlich geworden.“ Ein kräftiges Bekennen gebe es nur noch in bestimmten Kreisen. Religiöses Grundwissen „verdampft“, werde nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben. Es gelte, diese Oberflächlichkeit zu durchbrechen. „Viele Menschen“ – so hieß es in dem Vortrag – „haben zwar Gott nicht aufgegeben, aber sie wissen nicht so recht, wer er ist. Diese Leute fordern einen zu Gesprächen heraus.“.

 

Zu den „Eigentoren“ der Kirche, die zu gesellschaftlichen Veränderungen geführt haben, zählte Broxtermann ihre „sündhafte unheilige Seite“, ihre Erstarrung, ihr Machtgehabe, ihre fehlende Empathie und Halbherzigkeit und inzwischen auch ihre Überalterung, Überforderung, Ratlosigkeit, Erschöpfung, Missbrauch und Vertuschung. Laut Papst Franziskus braucht die ganze Kirche erst einmal „ein Feldlazarett“.

 

Für die zukünftige Kirche sei es wichtig, das Evangelium, Gott an die erste Stelle zu setzen, den Glauben, dessen Früchte Nächstenliebe und soziales Engagement sind. Es gelte, von alten Formen, die nicht mehr zu füllen sind, Abschied zu nehmen, nicht mehr um sich selber zu kreisen, sondern Demut zu lernen, Ehrlichkeit, Einfachheit, Gastfreundschaft und einen Blick für die Armen, für die Einzelnen zu bekommen. Broxtermann plädierte für Geschlechtergerechtigkeit und ökumenische Verbundenheit. Mission bedeute, hinaus zu den Menschen zu gehen, sich ihnen als Christen zu erkennen zu geben, für jemanden zu beten, einem anderen die Möglichkeit zu geben, sich in all seiner Not zu öffnen. An den Schluss seines Vortrags, für den er viel Applaus bekam und dem sich noch eine Aussprache anschloss, stellte Broxtermann ein Wort von Anselm Grün: „Ruhig Blut behalten, starke Nerven und Glaubensfreude und vor Ort sein Christsein weiterleben.“ ©ih

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