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C’est la vie! – So ist das Leben: Auch bei Regen ein Segen?

23.8.2019

Was wie eine mystische Trauerfeier aussieht, ist eine neugierige Truppe von wettertrotzenden Frauen beim ‚Waldbaden‘ (Foto: Haidle)

VALBERT + Ausflüge bei fiesem Wetter können einem die Aktivität regelrecht vermiesen. Manchmal werden sie dadurch aber auch zu etwas Besonderem. In diesem Fall hat der Wald – oder besser Martin Barth – trotzdem einiges zu erzählen.

 

Zur zweiten C’est la vie – Auszeit für Frauen des Jahre hat die Evangelische Kirchengemeinde Valbert zum gemeinsamen Baden eingeladen. Wenn das mal keine Auszeit ist! Zugegebenermaßen eine feucht-kühle Angelegenheit, aber wohltuend für Leib & Seele dennoch. Es geht nicht wie zu erwarten ins Freibad. Dafür öffnet der Himmel immer wieder seine Schleusen, was für den Ausflug hoch ins Ebbe für manch Eine Überwindung kostet. Bärbel Winterhoff freut sich über alle, die sich auf das „Waldbaden“ bei einem fast schon herbstlichen Wetter eingelassen haben. Die Japaner wissen schon seit mehreren Jahrzehnten, dass der Wald eine reinigende und erfrischende Wirkung auf den Menschen hat: "Shinrin Yoku" steht für Stressabbau, Entspannung und Gesundheitsförderung.

 

Und davon weiß auch Martin Barth, der sich gerne in die alte Heimat einladen lässt. Viele Jahre streifte er durch den Attendorner Forst und erfüllte sich damit einen Wunsch:
Es anders zu machen als der Vater im tageslichtfernen, verqualmten Büro. Ein Trost dafür, dass er mittlerweile ebenfalls die meiste Zeit am Schreibtisch verbringt sind vor allem die Kinder. Denn als Leiter des Waldinformationszentrums Steinhaus in Bergisch-Gladbach koordiniert er unter vielem Anderen Programme, die jährlich rund 10.000 Kindern zu gute kommen. „Das ist schon heftig. Viele Kinder sind zum ersten Mal richtig im Wald. Die fallen am Anfang sehr oft hin. Nach einer Weile stellt sich aber eine bessere Motorik ein.“

 

Ein Waldspaziergang bei Regen beschert eine gratis Feuchtigkeitsmaske und vieles mehr. Das „Waldbaden“ eine reinigende und erfrischende Wirkung hat, erlebte die Frauengruppe der Ev. Kirchengemeinde Valbert ‚hautnah‘ (Foto: Haidle)

 

Die braucht es auch jetzt. Man sieht Regenschirme im Nebel vom Weg in den Wald verschwinden. Die sich darunter befindenden Frauen sind just durch ein Seil miteinander verbunden. In einem einprägsamen Spiel macht der Waldpädagoge deutlich, dass alle Lebewesen im Wald voneinander abhängig und miteinander vernetzt sind. Die einen helfen sich gegenseitig, die anderen haben sich zum Fressen gern – und alles hat seine Notwendigkeit! Daher gilt es, wenn dann sehr behutsam in dieses durch die Folgen des Klimawandels geschädigten Systems einzugreifen.

 

Martin Barth ist ein Sinnesfreund. Um bloßes Wissen zu vermitteln, ist er nicht angetreten. Er liebt den Duft des Waldes und enthüllt manch eines seiner Geheimnisse. „Kennen Sie eigentlich den Marzipan-Baum?“, fragt er und zupft dabei die jungen Triebe einer Eberesche ab. Die, die sich trauen und den anfänglich bitteren Geschmack überwinden staunen nicht schlecht: Tatsächlich, eindeutiges Marzipan-Aroma! Etwas herzhafter geht es dann später zu. Die selbstgebackenen Gaumenfreuden werden dankenswerter Weise nicht wie geplant bei einem Picknick, sondern im Gemeindehaus bei warmem Tee geteilt.

 

Für Heiterkeit ist neben vielen Informationen und Betrachtungen zum Wald ausreichend gesorgt. „Waldbademeister“ Martin Barth lässt keine Langeweile aufkommen. (Foto: Haidle)

 

Ob nun Flora und Fauna zusammen wirken oder wir Menschen. Die Prinzipien für ein gutes Miteinander sind ähnlich. „Stellen Sie sich doch einmal im Kreis auf und halten ihre Arme ausgetreckt mit erhobenen Zeigefingern vor sich. Nun gehen Sie mit den Armen nach außen. So weit, bis Sie ihre Zeigefinger nicht mehr sehen können.“ Alle können einen Radius von 180°C erblicken. Die Arme sind ausgestreckt und unmerklich ist man in einem Kreis miteinander verbunden. „Wenn sich unser Blick weitet, dann kommen wir auch neu miteinander in Verbindung“. Das erlebt Martin Barth auch ganz privat. Mit seiner Frau lebt der einstige Sauerländer in einer ökumenisch ausgerichteten, internationalen Kommunität in Bonn.

Das Zusammenwirken in aller Unterschiedlichkeit schlägt sich auch in der abschließenden Andacht nieder, welche das Vorbereitungsteam mit Gesang und Gebeten gestaltet. „Bei mir piep es, Herr!“ lautet ein Gebetsbuch von OSB Drutmer Cremer, das die verschiedensten Vögel zu Wort kommen lässt. „Und übrigens: Woher wissen die Neumalklugen (Menschen), was Unkraut und Ungeziefer ist? Sind wir etwa auch Ungeziefer?“, fragen die kritisch.


Es ist also alles eine Frage der Betrachtung. Zwanzig Minuten mit einem 180°C Grad Fokus im Wald sitzen wird etwas mit einem machen, glaubt Martin Barth. Da kann man von Glück reden, wenn man einen Käfer beobachtet, der es in dieser Zeit im eigenen Blickwinkel von ganz rechts nach ganz links geschafft hat. Der achtsame Blick lässt Dankbarkeit wachsen. Dinge in Netzwerken zu betrachten sorgt ebenfalls für Veränderungen. Der Wald ist dafür ein guter Lehrmeister. Er macht milde gegenüber Feindbildern, denn es wird an vielen Stellen deutlich: Wen ich als Feind betrachte ist für einen Anderen der beste Freund. Und wenn die eine Sache wegbricht – wenn bestimmte Meinungen verboten werden oder wenn Menschen unter Effizienzaspekt aussortiert werden – dann bringt das mitunter Unheil für das gesamte System. In der Andacht mit freudigem Gotteslob und Vogelgebeten steckt eine Einladung, nämlich die von Gott erwählte Vielfältigkeit zu lieben.

 

Vom großen Ganzen ging es am Ende dann zum kleinen Segen, ein Give-Away, wie immer persönlich und liebevoll gestaltet. Was für eine Auszeit! Raus aus dem Anspruch, der Frühsommer möge uns doch bitte bestes Draußenwetter bescheren. Rein in die Erfahrung: Mistwetter! - dafür aber eine Feuchtigkeitsmaske gratis. C’est la vie! So ist das Leben, - oder das, was wir daraus machen! ©CH

 

 

Waldbaden

Es ist nachgewiesen, dass sich nach bereits zwei Wochen zwei im Wald verbrachte Stunden pro Tag im Blut nachweisen lassen. Und zwar an den Stellen, die sich positiv auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden wirken.

  • Die Luft im Wald ist so staubfrei wie am Meer oder in den Bergen. Sie enthält pflanzliche Terpene, die eine pharmakologische Wirkung auf den Menschen ausüben: Sie schützen den Körper vor freien Radikalen, minimieren Krankheitserreger und beeinflussen das Immunsystem positiv.
  • Der Wald schluckt Lärm. Bereits 100 Meter vom Waldrand entfernt ist der Lärm um die Hälfte reduziert. Das wirkt sich positiv auf alle Beschwerden aus, die durch Reizüberflutung entstehen. Die Stresshormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin können durch einen Waldbesuch zurückgehen.
  • Auch unsere Muskeln und Gelenke profitieren vom Wald. Es gibt zum Laufen wohl kaum einen schonenderen Untergrund als den federnden Waldboden.

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