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Das Warten hat ein Ende
24.12.2025

Weihnachten ist das Fest der Lichter und des Glanzes: Die Weihnachtsbäume leuchten in den Wohnungen und Häusern, in den Kirchen und auf den Plätzen. Lichterketten hängen schon lange in vielen Fenstern, die Straßen sind seit Wochen bereits festlich geschmückt.
Auch der große Wichern-Adventskranz vor der Attendorner Erlöserkirche strahlt Weihnachten wieder in voller Pracht. Beginnend mit dem 1. Advent, wird jeden Tag eine Kerze angezündet, wochentags eine kleine, an den Adventssonntagen eine große, bis schließlich alle Lichter brennen. Seit vielen Jahren steht dieser Kranz vor der Kirche, und das allabendliche Anzünden der Kerze für den folgenden Tag ist in Attendorn längst zu einer Tradition geworden, die viele Menschen anspricht; gerne folgen sie der Einladung zu den abendlichen Kurzandachten und lassen sich mit Liedern, Texten und Gebeten auf das nahende Weihnachtsfest einstimmen.
Die Idee zu solch einem Adventskranz hatte Johann Hinrich Wichern, der 1833 in Hamburg-Horn das Rauhe Haus gegründet hatte, eine Einrichtung für verwahrloste Kinder und Jugendliche. In Wohngruppen lebten die Kinder zusammen und bekamen die Möglichkeit zu Schulbesuch und Ausbildung, wobei Wichern auch die religiöse Erziehung sehr wichtig war. Die Kinder feierten – häufig erstmals für sie überhaupt – im Rauhen Haus miteinander Weihnachten, begingen zuvor die Adventszeit und fragten sich, genau wie Kinder heute: Wann ist denn endlich Weihnachten? Wann hat das Warten ein Ende? Um ihnen das, im wahrsten Sinn des Wortes, vor Augen zu führen, hat Wichern 1839 ein Wagenrad geschmückt und so den Adventskranz erfunden, mit großen Sonntags- und kleinen Werkstagskerzen.
Und wenn dann – endlich – Weihnachten da war, leuchteten im Rauhen Haus in Hamburg alle Kerzen am Wichernkranz, so wie nun vor der evangelischen Kirche in Attendorn: Das Warten hat ein Ende!
„Seht, die gute Zeit ist nah“, jetzt ist sie sogar wirklich angebrochen. „Gott kommt auf die Erde, als hilfloser Säugling in einer Krippe. Und – wie es in dem Adventslied auch heißt – er ist wirklich für alle da und will Frieden schenken.
Wie eine große Einladung, wunderschön anzusehen, strahlt der Kranz: Seht und kommt! Kommt an die Krippe! Hört die frohe Botschaft von Weihnachten!
Gott kommt auf die Erde, lädt alle ein: „Hirt und König, Groß und Klein, Kranke und Gesunde, Arme, Reiche lädt er ein, freut euch auf die Stunde“ hat Friedrich Walz in seinem Lied gedichtet, das sich an einer alten Vorlage aus Mähren orientiert. Bei Gottes Einladung gibt es keine Beschränkungen, wer kommen darf und wer nicht. Gottes Ruf gilt unabhängig davon, wie wohlhabend jemand ist, wie gebildet, welcher Herkunft, wie alt, wie fit und was uns da auch immer einfallen mag für unsere Begrenzungen und Ausgrenzungen.
Das Warten hat ein Ende – endlich Weihnachten. Der Advent, die Zeit der Ankunft, hat sein Ziel erreicht: Gott kommt bei uns an.
Und nun? Was heißt das für uns? Was machen wir jetzt? – Klar, wir feiern Weihnachten mit lieben Menschen und sorgfältig ausgesuchten Geschenken, mit leckerem Essen und schön geschmückten Wohnungen. Für viele gehört auch der Gottesdienstbesuch an Heiligabend dazu. So kann Weihnachten sein und so genießen auch wir das Fest, erst in der Kirche, dann zu Hause mit unseren Familien.
Ich weiß aber auch: Nicht alle haben bei diesem Fest Menschen an ihrer Seite. Nicht alle haben ein tolles Festmahl und Geschenke in Fülle, und Weihnachtsbaum und -schmuck können sich auch nicht alle leisten. So manche sind froh, wenn Weihnachten das Zimmer wenigstens einigermaßen warm ist. – Das scheint auf den ersten Blick noch einmal wie ein ganz eigenes Thema: Wir singen zwar „Hirt und König, Groß und Klein, Kranke und Gesunde, Arme, Reiche“ lädt Gott ein, aber doch geht uns das Schicksal unserer Mitmenschen oftmals nicht sonderlich nahe, auch wenn sie doch alle von Gott Eingeladene sind. Dass wir es mehr oder weniger stillschweigend für „normal“ halten, dass Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrinken, dass wir leicht in den Narrativ einstimmen, Bürgergeldbezug und Sozialhilfebetrug seien praktisch dasselbe, dass wir als Gesellschaft nicht in einen Aufschrei der Empörung verfallen, wenn wir davon hören, dass 15% aller Kinder bei uns von Armut betroffen sind – all das erschreckt mich immer wieder und passt für mich so gar nicht zu der Botschaft von Weihnachten wie zu der Botschaft des Evangeliums überhaupt.
Auf den ersten Blick ein anderes Thema – und doch hängt es genau mit dem zusammen, wenn wir uns fragen: Was heißt es für uns, wenn das Warten ein Ende hat? Was machen wir jetzt? Wenn die Geschenke ausgepackt, das Festessen verspeist, der Besuch gegangen und die Weihnachtsbaumkugeln und Lichterketten wieder verpackt sind?
Wir könnten nach den Festtagen weitermachen wie bisher und uns dann auf das nächste Weihnachtsfest freuen – alle Jahre wieder. Und das wäre nicht einmal wenig, wenn es uns gelingt, wenigstens an diesen Feiertagen unseren Alltag heilsam zu unterbrechen. Es wäre für uns nicht einmal wenig und doch wäre es viel zu wenig, bliebe es doch weit zurück hinter dem, was Gott uns wirklich schenken will: nicht nur eine heilsame Alltagsunterbrechung mit Lichterglanz und Kerzenschein, sondern Frieden, wie es in dem Lied heißt. Und das meint: eine ganz neue Hoffnung, eine ganz neue Zuversicht, einen ganz neuen Glauben.
Den Glauben, dass Gott wirklich Mensch geworden und so mitten unter uns ist und uns und alle Welt nicht alleine lässt. Die Zuversicht, dass alle und alles in seinen guten Händen liegt. Die Hoffnung, dass Leben im Vertrauen auf ihn zu einem guten Ziel führt – für uns, aber auch für unsere Mitmenschen. Wir müssen all die Ungerechtigkeiten des Lebens nicht hinnehmen, sondern können eingreifen und helfen. Wir müssen nicht kleinmütig verzagen, sondern können getrost das Leben angehen. Wir können zu dem Frieden beitragen, den Gott uns schenken will. Das Warten hat ein Ende – und wir können neu aufleben. Gott sei Dank“

Dass Sie und Ihre Lieben so Weihnachten feiern können, wünsche ich Ihnen von Herzen!
Ihr
Dr. Christof Grote
Superintendent des
Ev. Kirchenkreises
Lüdenscheid-Plettenberg



