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Flüchtlingshilfe Werdohl stellt Arbeit ein: „Haben zum richtigen Zeitpunkt richtig gehandelt“
2.2.2026

Im Jahr 2015 kamen innerhalb weniger Monate mehr als eine Million Geflüchtete nach Europa – vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Das war nicht nur ein Wendepunkt im Leben dieser Menschen. Diese Zeit hat in Werdohl Menschen wie Lothar Jeßegus, Ute Zorn, Anne Paulekun und Volker Schmiedel geprägt. Sie waren nach elf Jahren Netzwerk Flüchtlingshilfe Werdohl die letzten Vertreter dieses ehrenamtlichen Hilfswerks. Jetzt haben sie ihre Arbeit eingestellt.
Es sind nicht nur persönliche Gründen, die die vier zu diesem Schritt bewegen. „Heute existieren Strukturen, die es damals noch nicht gab“, sagt Lothar Jeßegus. Er hatte bereits Ende 2014 mit dem Aufbau dieses Netzwerkes begonnen. „Es gab ja keine hauptamtlichen Strukturen, die Geflüchtete unterstützten“, sagt er.
Dirk Grzegorek gab den Anstoß
Den Anstoß gab Pfarrer Dirk Grzegorek, der ihn bat, sich um einen hilfebedürftigen jungen Mann aus Albanien zu kümmern, der in der Osmecke in einer Flüchtlingsunterkunft wohnte. „So erhielt ich direkten Kontakt zu den Flüchtlingen“, erinnert er sich. Die Gemeinde ernannte ihn zum Flüchtlingsbeauftragten. Schnell meldeten sich ehemalige Lehrerinnen. Sie erteilten auf ehrenamtlicher Basis Deutschunterricht.
Die ersten Aktiven im Netzwerk einigten sich auf ein Konzept. Unter dem Titel „Zuwendung NRW“ hieß es darin: Die Initiative Flüchtlingshilfe Werdohl macht es sich zur Aufgabe, Asylbewerbern und Flüchtlingen Anschubhilfe beim Start in einem fremden Land, in fremder Umgebung zu leisten und sie auf dem Weg ihrer Integration zu begleiten. Dazu werden die Hilfsbedarfe der Zielgruppe ermittelt und mit den ehrenamtlichen Hilfsangeboten aus der Bevölkerung und den bereits in der Region auf diesem Gebiet vorhandenen Angeboten netzwerkartig verknüpft.“

Das klingt sehr bürokratisch, löste aber eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Rund 60 Helferinnen und Helfer, darunter auch Geflüchtete, waren bereit, das Netzwerk zu unterstützen. Sie verteilten sich auf sieben Arbeitsbereiche (Deutschkurse, Begegnung im Ev. Kindergarten, später im Haus der Diakonie, Beratung, Begleitung zu Behörden, Vermittlung von gebrauchten Möbeln und Fahrrädern, Aktionen in der Freizeit, Patenschaften und Info-Veranstaltungen, beispielsweise mit der Verbraucherberatung).
Nach 2017 ausreichend Deutschkurse
Die Deutschkurse, die überwiegend von pensionierten Lehrerinnen und Lehrer geleitet wurden, liefen bis 2017. Danach gab es ausreichend Kurse in Bildungseinrichtungen.
„Das Engagement und die Spendenbereitschaft (Geld- und Sachspenden) der Werdohlerinnen und Werdohler war zu dieser Zeit außerordentlich groß. So machte beispielsweise eine 89-jährige Werdohlerin im Team Gebrauchtes mit und sortierte Kleider- und Hausratspenden“, erinnern sich Lothar Jeßegus, Ute Zorn, Anne Paulekun und Volker Schmiedel.
Ab 2023 bestand das Angebot unter dem Dach des Diakonischen Werkes aus einer wöchentlichen Beratung, Weitervermittlung an hauptamtliche Fach- und Beratungsstellen und anderen Gesprächs- und Unterstützungsangeboten.
Nach dem offiziellen Ende ihrer Arbeit zogen Lothar Jeßegus, Ute Zorn, Anne Paulekun und Volker Schmiedel Bilanz. „Wir haben dazu beigetragen, dass es in Werdohl ruhig geblieben ist und die Integration der meisten Geflüchteten gut gelingen ist“, sagen sie. Dazu zähle beispielsweise, dass viele über gute bis ausgezeichnete Sprachkenntnisse verfügten, eine Arbeitsstelle hätten, eine Niederlassungserlaubnis hätten oder eingebürgert seien.
Biblischer Auftrag zur Nächstenliebe
Für Lothar Jeßegus war der biblische Auftrag zur Nächstenliebe der Antrieb. „Dass es so gut gelaufen ist, war für mich nicht normal – es war wie eine Fügung Gottes“, sagt er. Auch Anne Paulekun hat eine gute Erinnerung an die Zeit. „Es war ein neuer Abschnitt in meinem Leben, den ich nicht missen möchte.“ Sie habe Kontakte geknüpft, von denen viele bis heute andauerten. Für Volker Schmiedel zählt, dass „alles so gut gelaufen ist“. Für Ute Zorn bleibt das Gefühl zurück, zum richtigen Zeitpunkt richtig gehandelt zu haben.
Der junge Mann aus Albanien über den Lothar Jeßegus vor mehr als elf Jahren die Flüchtlingsarbeit einstieg, hat übrigens auch seinen Weg gemacht. Er arbeitet heute als Fahrkartenkontrolleur bei den Verkehrsbetrieben in Hannover.



