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170jährige Geschichte endet

1.1.2020

Blick in den Innenraum der ersten Kirche in Grevenbrück, die der heutigen Kirche 1965 weichen musste (Repro: Karl-Hermann Ernst)

KIRCHENKREIS + Mit dem ersten Glockenschlag des Festgeläutes, mit dem sämtliche Glocken nicht nur im Sauerland das Jahr 2020 einläuteten, endete eine zum Teil mehr als 170jährige Geschichte der evangelischen Bevölkerung im Südsauerland. Denn mit diesem Glockenschlag hatten die vier evangelischen Kirchengemeinden Attendorn, Finnentrop, Grevenbrück und Lennestadt-Kirchhundem aufgehört als selbständige Einheit zu existieren.

 

Gemäß der Rundverfügung der Bezirksregierung Arnsberg vom 14. September 2019 (Nr. 672, Seite 397) wurden diese vier Kirchengemeinden zu der neu gebildeten Kirchengemeinde vereinigt. Die neue Kirchengemeinde erhielt den Namen: „Evangelische Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt“. Sie ist nach der Urkunde der Evangelischen Kirche von Westfalen vom 20. August 2019 (010.11 – 4161) ab dem 1. Januar 2020 die Rechtsnachfolgerin der bisherigen vier Diaspora-Kirchengemeinden des Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg.

 

Mit diesem Glockenschlag änderte sich somit auch die Landkarte des Kreises Olpe für die evangelische Bevölkerung. Nach bisher fünf evangelischen Kirchengemeinden gibt es wieder, wie zunächst nach Gründung der Gemeinde Attendorn, nur noch zwei davon. Zum einen wie bisher die Kirchengemeinde Olpe, die zum Kirchenkreis Siegen gehört, mit Olpe, Drolshagen und Wenden im westlichen Teil und zum anderen die neue Gemeinde Attendorn-Lennestadt im östlichen Teil des Kreises zum Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg gehörend.

 

Der Schritt zur Gründung der neuen Kirchengemeinde war ein großer Schnitt in die Geschichte in der Region. Schließlich ging es um rund 9.100 Gemeindeglieder in vier Kommunen mit einer Gesamtfläche von circa 500 km². Anlass dafür waren vor allem organisatorische Gründe angesichts zurückgehender Gemeindegliederzahlen, weniger Pfarrerinnen und Pfarrer und die damit einhergehenden personellen Entscheidungen. So wird die Pfarrstelle in Grevenbrück nach dem Eintritt von Pfarrer Hans-Joachim Keßler in den Ruhestand nicht wieder besetzt und die zweite Pfarrstelle in Lennestadt-Kirchhundem ist ebenfalls weggefallen. Die Seelsorge in diesem Gebiet übernehmen die verbliebenen Pfarrerin und Pfarrer.

 

Historie Geschichte Kirchengemeinden Attendorn FinnentropcvGrevenbrück Lennestadt-Kirchhundem Vereinigung Ernst

Auszug aus dem Amtsblatt für den Regierungsbezirk Arnsberg vom

14. September 2019

 

Allen vier bisherigen Gemeinden ist eine Grund-Historie gemeinsam: Im Wiener Kongress wurde 1815 im Rahmen der Neuverteilung das Herzogtum Westfalen und damit auch das kurkölnische Sauerland dem Königreich Preußen als Provinz zugeteilt. Mit der neuen Verwaltung kamen zunehmend evangelische Verwaltungsbeamte ins katholische Süd-Sauerland. Hinzu kam die anrollende Industrialisierung und der Bau der Eisenbahn durch das Lenne- und Biggetal, die auch evangelische Arbeitssuchende nach hier kommen ließen.

 

Für Attendorn kam noch hinzu, dass hier 1838 das 35. Landwehrbattallion stationiert wurde. Bereits 1839 feierte der Militärseelsorger gemeinsam mit etwa 10 militärischen und etwa 30 zivilen Besuchern den ersten Gottesdienst in der Aula des damaligen Progymnasiums.

1844 lebten bereits rund 60 evangelische Familien in und um Attendorn. Sie hatten den Wunsch nach einer eigenen Pfarrei. So gründeten sie den „Evangelischer kirchlicher Verein“. Mit finanzieller Unterstützung des „Gustav-Adolf-Vereins“ (heute Gustav Adolf Werk) erhielt der „Pfarramts-Candidat“ Philipp Trainer aus Hilchenbach die Aufgabe, eine evangelische Kirchengemeinde in Attendorn aufzubauen und zu betreuen. Den ersten Gottesdienst hielt er am 6. Februar 1848 ab, was heute als Gründungstag der Gemeinde angesehen wird, obwohl noch keine Pfarrgemeinderechte verliehen wurden. Das geschah erst 1856 mit der Erhebung des Vereins zur Pfarrgemeinde. Mit der Ernennung von Philipp Trainer zum ordentlichen Pfarrer ließ sich der Oberkirchenrat sogar bis 1869 Zeit.

 

Bis zum Jahre 1857 gehörten die evangelischen Christen in Grevenbrück und Umgebung genau wie die der späteren Gemeinde Finnentrop zur Kirchengemeinde Attendorn. In diesem Jahr gründete sich der „Kirchenverein Grevenbrück-Meggen“. Betreut wurde die Gemeinde, die die Gegend um Grevenbrück, Meggen und Altenhundem umfasste, anfangs von Attendorn, Hilchenbach und Olpe. 1858 kam mit Rudolf Spennemann ein ständiger Seelsorger. 1861 endete der Verbund mit Attendorn und sie wurde zu einer Filialgemeinde von Plettenberg. 13 Jahre später löste man sich von Plettenberg, wurde selbständig und nannte sich, obwohl sich Kirche und Pfarrhaus in Altenhundem standen, bis 1927 weiterhin „Evangelische Kirchengemeinde Grevenbrück-Meggen“.

 

Trotz einigen Widerstandes seitens des Gemeindeteils Altenhundem-Meggen erreichten die evangelischen Christen in Grevenbrück am 1. April 1927 die Selbständigkeit. Doch es dauerte noch fast 20 Jahre, bis die Pfarrverweserstelle in Grevenbrück zur Pfarrstelle umgewandelt wurde und Pfarrer Reinhard Goudefroy am 1. Mai 1947 zum ersten Pfarrer der Gemeinde ernannt wurde.

 

Mit der Selbständigkeit von Grevenbrück entstand auch die damalige Kirchengemeinde Altenhundem-Meggen, die sich später Lennestadt-Kirchhundem nannte. Schon zu Anfang der Kirchengemeinde, damals noch gemeinsam mit Grevenbrück, errichtete man 1859 bereits einen eigenen Friedhof in Altenhundem und 1868 eine Kirche neben diesem Friedhof. Dadurch hatten die Gläubigen aus Grevenbrück und erst Recht aus den weiter entfernten Orten wie Elspe oder Ödingen einen weiten Weg zum Gottesdienst und den Beerdigungen, was wohl mit dazu beigetragen hat, dass der Wunsch nach einer eigenen Gemeinde immer größer wurde. Und das, obwohl man 1895 in Grevenbrück eine kleine Kapelle gebaut hatte.

 

Die Kirchengemeinde Finnentrop, wurde ab dem 1. April 1929 seelsorgerlich und ab dem 1. April 1931 auch verwaltungsmäßig von Grevenbrück betreut. Gehörte aber immer noch zu Attendorn. Zwar hatte sich inzwischen das Ungleichgewicht zwischen den beiden Gemeindeteilen weiter verstärkt. So hatte die Muttergemeinde Attendorn 1930 rund 570 Gemeindeglieder gegenüber 900 in Finnentrop. Dadurch fühlten sich die Finnentroper benachteiligt und strebten nach Selbständigkeit, was auch die Attendorner einsahen. Doch die Schwierigkeit einer Teilung lag besonders darin, dass alle kirchlichen Liegenschaften der gesamten Gemeinde gehörten und auch sämtliche Gemeindeeinrichtungen gemeinsam waren. Auch wegen des zweiten Weltkrieges kam es erst 1946 zur rechtlichen Trennung und die Gemeinde Finnentrop wurde selbständig.

 

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Der Kreis Olpe mit seinen zwei evangelischen Kirchengemeinden

 

 

Im Zuge der zunehmenden Industrialisierung kamen weitere evangelischen Christen ins Südsauerland. Erhebliche Zuwächse gab es nach dem Zweiten Weltkrieg durch Flüchtlinge und Vertriebene und in den 1990er Jahren durch den Zuzug von Spätaussiedlern aus Osteuropa.

 

Für die Gemeindeglieder der neuen Kirchengemeinde wird sich das kirchliche Leben nur marginal ändern. So wird das Gemeindebüro mit dem Hauptsitz in Grevenbrück auch an den bisherigen Standorten - zwar mit verringerten Öffnungszeiten – vertreten sein. Auch bei Gemeindegruppen und –kreisen und Gottesdiensten in den Altenheimen ändert sich nichts.Lediglich die sonntäglichen Gottesdienstzeiten haben sich in einzelnen Gemeindeteilen zum Teil etwas verschoben.

 

Die Leitung hat bis zur Neuwahl eines Presbyteriums am 5. April 2020 ein Bevollmächtigtenausschuss unter dem Vorsitz von Superintendent Klaus Majoress. Der Festgottesdienst zur Gründung der Kirchengemeinde Attendorn-Lennestadt fand am 5. Januar 2020 ab 11 Uhr in der evangelischen Kirche in Grevenbrück statt. ©khe

 

 

 

 

Literaturnachweise:

Attendorn, Finnentrop: „Suchet der Stadt Bestes“ Evangelisch in Attendorn von Eva von Broecker im Auftrag der Evangelischen Kirchengemeinde Attendorn 1998

Die evangelische Erlöserkirche in Attendorn Herausgeber: Ev. Kirchengemeinde Attendorn 2014

Grevenbrück, Lennestadt-Kirchhundem: Festschrift „50 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Grevenbrück 1. April 1977“ Evangelische Kirchengemeinde Grevenbrück 1977 und „Gevorde, Förde, Grevenbrück – Ein Sauerländer Ort im Wandel der Zeit. Herausgeber: Heimat- und Verkehrsverein Grevenbrück e.V. 2015 Seite 616 – 634

Dank an Dr. Christof Grote, Attendorn , Hans-Joachim Keßler, Grevenbrück und Christiane Hanses, Altenhundem für die hilfreiche Unterstützung

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